Die Wirksamkeit des frühen Französischunterrichts in Berner Schulen ist derzeit ein zentrales Diskussionsthema unter Pädagogen, Politikern und Eltern. Obwohl der Französischunterricht bereits in der dritten Klasse beginnt, erreichen viele Schüler bis zum Ende ihrer Schulzeit keine grundlegenden Sprachkenntnisse, was Rufe nach Reformen und einer Neubewertung der aktuellen Lehrmethoden laut werden lässt.
Wichtige Erkenntnisse
- Der frühe Französischunterricht in Bern beginnt in der 3. Klasse.
- Evaluationen zeigen, dass viele Schüler bis zum Abschluss die grundlegenden Sprachkenntnisse nicht erreichen.
- Die politische Debatte umfasst Vorschläge, den Französischunterricht bis zur 5. Klasse zu verschieben.
- Experten schlagen eine Reform der Lehrmethoden vor, die immersivere Erfahrungen einschliesst.
- Schüler äussern gemischte Gefühle: Einige geniessen den frühen Start, andere finden ihn herausfordernd.
Herausforderungen beim Erreichen von Sprachkenntnissen
Jüngste Evaluationen zeigen erhebliche Lücken beim Erwerb der französischen Sprache bei Schülern im Kanton Bern. Daten deuten darauf hin, dass weniger als 60 Prozent der getesteten Jugendlichen bis zum Ende ihrer Schulzeit die grundlegenden Anforderungen an das Hörverständnis erfüllen. Die Ergebnisse im Leseverständnis sind noch niedriger, wobei nur etwa 50 Prozent die grundlegenden Standards erreichen.
Diese Zahlen stehen in starkem Kontrast zu den Englischkenntnissen. Im Englischen erreichen etwa 80 Prozent der Schüler das grundlegende Leseverständnis und 90 Prozent das grundlegende Hörverständnis. Diese Diskrepanz befeuert die anhaltende Debatte über die Wirksamkeit der aktuellen Französisch-Lehrmethoden.
Wichtige Statistiken
- 67% der Berner Schüler erreichen grundlegendes Französisch-Hörverständnis.
- 54% der Berner Schüler erreichen grundlegendes Französisch-Leseverständnis.
- Im Vergleich dazu erreichen 80% grundlegendes Englisch-Leseverständnis.
- 90% erreichen grundlegendes Englisch-Hörverständnis.
Politischer Druck und vorgeschlagene Reformen
Die Diskussion um den frühen Französischunterricht, oft als «Frühfranzösisch» bezeichnet, hat politisch an Fahrt gewonnen. Mehrere Kantone, darunter Zürich, St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden, erwägen, den frühen Französischunterricht ganz abzuschaffen. Die Bundesregierung betrachtet diese Schritte jedoch als Bedrohung des nationalen Zusammenhalts und der harmonisierten Bildung in der Schweiz und droht, rechtlich gegen Kantone vorzugehen, die vom etablierten Sprachenkompromiss abweichen.
In Bern schlägt ein Vorschlag der Grünliberalen Partei (GLP) vor, den Französischunterricht um zwei Jahre zu verschieben, von der 3. auf die 5. Klasse. Michael Ritter, GLP-Grossrat und Gymnasiallehrer, argumentiert, dass Frühfranzösisch seine Versprechen nicht gehalten habe. Er glaubt, dass das aktuelle System das Sprachniveau nicht verbessert hat und zu überfüllten Stundenplänen beiträgt. Ritter plädiert für eine Stärkung des Französischunterrichts ab der 5. Klasse, möglicherweise durch bilinguale Klassen.
«Frühfranzösisch hält nicht, was es verspricht», sagte GLP-Grossrat Michael Ritter. «Das Niveau hat sich nicht verbessert, im Gegenteil. Und Frühfranzösisch ist ein Grund für überladene Stundenpläne.»
Bildungsdirektorin Christine Häsler (Grüne) verteidigt das aktuelle System. Sie betont, dass es beim Frühfranzösisch nicht nur um den Spracherwerb geht. Es ziele auch darauf ab, einen frühen Kontakt und Zugang zur französischsprachigen Schweiz zu fördern. «Mehrsprachigkeit ist mir sehr wichtig; ich stehe hinter dem Frühfranzösisch», so Häsler.
Klassenzimmererfahrung und Schülerperspektiven
Junge Lernende begeistern
In einer 3. Klasse in Münsingen verwendet Lehrerin Tonia Jäggi Lieder und interaktive Spiele, um Französisch zu unterrichten. Die Kinder singen Wörter wie «règle», während sie ein Lineal hochhalten, oder «trousse», während sie ihre Federmäppchen hochheben. Dieser spielerische Ansatz hilft jungen Schülern, Vokabeln ohne traditionelle Wörterbücher oder Grammatikübungen zu lernen.
Jäggi bemerkt, dass Kinder in diesem Alter dazu neigen, hemmungsloser zu sprechen. «Im Moment haben alle Spass daran», kommentierte sie. Schüler wie Finn (9), Maja (9) und Nina (8) beschreiben Französisch als «cool». Maja möchte mit Menschen in der französischsprachigen Schweiz sprechen, wo ihre Patentante einen Camper hat. Nina plant, französische Wörter während ihres nächsten Urlaubs auf Korsika zu verwenden.
Ein Rückblick: Frühe Einführung
Der Kanton Bern führte im Sommer 2011 den Französischunterricht in der 3. Klasse ein. Lehrerinnen wie Tonia Jäggi erinnern sich an die anfänglichen Herausforderungen, zu denen die Anpassung an neue Lehrmaterialien und die Teilnahme an Weiterbildungen und Sprachimmersionsprogrammen zur Verbesserung ihrer eigenen Französischkenntnisse gehörten.
Das ursprüngliche Lehrbuch «Mille feuilles» wurde wegen mangelnder Struktur, Grammatik und relevanter Vokabeln für Kinder kritisiert. Eine aktualisierte Version wurde seither veröffentlicht, die Jäggi als deutlich verbessert empfindet, mit praktischeren und relevanteren Vokabeln.
Herausforderungen für ältere Schüler
Der Enthusiasmus, der in jüngeren Klassen zu beobachten ist, nimmt jedoch in der Sekundarstufe oft ab. Nadine Schindler, Französischlehrerin in Niederwangen, beobachtet, dass ihre Sekundarschüler Schwierigkeiten mit der Behaltensleistung haben. «Es ist frustrierend, wie wenig vom Französischunterricht hängen bleibt», bemerkte sie. Schüler pauken oft für Tests und vergessen das Material dann schnell wieder.
Schindler führt dies auf den Mangel an täglicher Anwendung zurück, im Gegensatz zu Englisch, das Schüler ausserhalb des Klassenzimmers häufiger begegnen. Sie beschreibt, wie Schüler Französisch «wie mathematische Formeln» lernen. Auch der Lehrplan stellt eine Herausforderung dar, da in einer begrenzten Anzahl von Wochenstunden eine grosse Menge an Material behandelt werden muss.
In der 3. und 4. Klasse haben die Schüler drei Französischstunden pro Woche. Dies sinkt in der 5. und 6. Klasse auf zwei Stunden. «Das ist nicht viel», räumt Jäggi ein. Sie versucht, Französisch in andere Fächer zu integrieren, indem sie Schüler auf Französisch begrüsst oder Sportübungen in der Sprache erklärt, um Neugier zu wecken.
Expertenmeinungen und zukünftige Richtungen
Daniel Elmiger, Linguist an der Universität Genf, hat an den Grundlagen der Evaluation mitgewirkt. Er stellt fest, dass die Ergebnisse «eindeutig unbefriedigend» sind, zumal grundlegende Kompetenzen das Minimum darstellen, das alle Schüler erreichen sollten. Elmiger nennt unterschiedliche Sprachkompetenzen der Lehrpersonen als einen möglichen Grund für die schlechten Ergebnisse. Er deutet an, dass einige Kantone in der Lehrerausbildung zu wenig Wert auf Fremdsprachen legen.
Die Pädagogische Hochschule Bern hingegen hält hohe sprachliche Anforderungen an ihre Französischlehrer, wobei C1-Niveau für die Primarstufe und C2 für die Sekundarstufe gefordert wird. C2-Kenntnisse umfassen fliessendes Sprechen und akademisches Schreiben.
Elmiger plädiert nicht für die Abschaffung des Frühfranzösisch. Stattdessen schlägt er eine Reform vor, die darauf abzielt, die Sprache lebendig zu machen. Dazu gehören eine stärkere Interaktion mit Menschen aus anderen Sprachregionen, die Verwendung authentischer Materialien wie Musik und die Einbeziehung von sozialen Medien oder künstlicher Intelligenz in den Unterricht.
Die Debatte um den frühen Start
Ob ein früher Start einen Unterschied macht, dazu bemerkt Elmiger, dass Studien darauf hindeuten, dass jüngere Kinder Aussprache und Verständnis schneller lernen. Die strukturellen Aspekte einer Sprache werden jedoch auf Sekundarstufe schneller erworben, wenn die Schüler über grössere kognitive Fähigkeiten verfügen. Er weist auch darauf hin, dass es für die Schweiz aufgrund häufiger Schulreformen und neuer Lehrmaterialien nur begrenzte schlüssige Forschung gibt.
Auch die Schüler haben gemischte Ansichten. Yara (15) äussert eine Vorliebe für Französisch, findet es aber kompliziert und geduldaufwendig. Aschley (15), die zweisprachig ist, findet die vielen Ausnahmen in der französischen Grammatik faszinierend, ist aber der Meinung, dass drei Stunden pro Woche für die Sprechpraxis nicht ausreichen. Eleyna (15) glaubt, dass das Erlernen nur des Englischen, einer Weltsprache, ausreichen würde.
Carla (15) und Eleyna denken, es wäre besser, Französisch in der 5. Klasse mit mehr Wochenstunden zu beginnen. «Vom Frühfranzösisch ist bei mir nicht mehr viel hängengeblieben», teilte Carla mit. Nadine Schindler, die Sekundarlehrerin, unterstützt einen frühen Start, da sie glaubt, dass er Kindern hilft, durch regelmässige Wiederholung «natürliche Sprachmuster» zu entwickeln. Sie gibt jedoch zu, dass selbst grundlegende Elemente wie Zahlen und Uhrzeit für viele Schüler oft schwer fassbar bleiben.
Der fortlaufende Dialog unterstreicht die Notwendigkeit effektiver Strategien, um sicherzustellen, dass die frühe Exposition zu dauerhaften Sprachkenntnissen und einer echten Verbindung zur vielfältigen Sprachlandschaft der Schweiz führt.




