Die Gemeinde Belp, zwischen Bern und Thun gelegen, startet im nächsten Schuljahr ein wegweisendes Bildungspilotprojekt. Kinder, die am freiwilligen Programm teilnehmen, werden statt fünf nur vier Tage pro Woche zur Schule gehen, während ihre jährlichen Ferien von 13 auf sechs Wochen reduziert werden. Diese Initiative zielt darauf ab, traditionelle Schulstrukturen neu zu denken und berufstätige Eltern besser zu unterstützen.
Wichtige Erkenntnisse
- Belp führt eine Vier-Tage-Schulwoche mit verlängerten täglichen Stunden ein.
- Die jährlichen Ferien werden von 13 auf sechs Wochen reduziert.
- Das Pilotprojekt startet im Sommer 2026 und läuft sechs Jahre lang.
- Das neue Modell konzentriert sich auf erfahrungsbasiertes, praktisches Lernen.
- Die Pädagogische Hochschule Bern wird die wissenschaftliche Begleitung übernehmen.
Schulzeiten für moderne Familien neu denken
Das Konzept für dieses innovative Schulmodell stammt von Daniela Schädeli, Leiterin Familie und Bildung in Belp. Vor etwa fünf Jahren erfuhr sie von einer dänischen Schule, die ganzjährigen Unterricht anbot und Eltern so mehr Flexibilität bei der Urlaubsplanung ermöglichte. Dies löste die Idee für einen ähnlichen Ansatz in der Schweiz aus, der speziell die Herausforderungen vieler Eltern bei der Ferienorganisation angeht.
Das aktuelle System beinhaltet oft, dass Kinder zwischen Schule und Nachmittagsbetreuung wechseln, was störend sein kann. Das neue Modell schlägt eine „ganzjährige Schule“ vor, die 46 Wochen im Jahr geöffnet ist. Die Schülerinnen und Schüler werden vier Tage pro Woche unterrichtet, mit verlängerten Stunden von 8:00 Uhr bis 16:30 Uhr. Dieser konsolidierte Zeitplan soll ein stabileres und bereichernderes Umfeld bieten.
Projektübersicht
- Startdatum: Nach den Sommerferien 2026
- Dauer: Sechs Jahre
- Anwesenheit: Vier Tage pro Woche
- Tägliche Stunden: 8:00 Uhr bis 16:30 Uhr
- Jährlicher Betrieb: 46 Wochen
Fokus auf erfahrungsbasiertes Lernen
Über logistische Verbesserungen hinaus sieht Daniela Schädeli eine grundlegende Verschiebung der Bildungsphilosophie vor. Ziel ist es, die Schule in einen Ort zu verwandeln, an dem Schüler spielerisch und durch praktische Erfahrung lernen. Dazu gehören Aktivitäten wie Kochen und Gärtnern, die es den Kindern ermöglichen, direkt mit der realen Welt in Kontakt zu treten.
„Die Idee ist, dass die Schule ein Ort ist, an dem die Schüler spielerisch lernen können“, erklärte Schädeli. Sie betonte, dass das Lernen in einem praktischen Kontext stattfinden sollte und nicht nur durch abstrakte Schreibtisch-Arbeit. Dieser Ansatz soll Kindern helfen, ihre Leidenschaften zu entdecken und Fähigkeiten auf eine ansprechendere Weise zu entwickeln.
„Auf diesem Weg lernen sie in der realen Welt und nicht mehr unbedingt abstrakt am Schreibtisch.“ — Daniela Schädeli, Leiterin Familie und Bildung, Belp
Akademische Unterstützung und Aufsicht
Das Pilotprojekt, das auf der Grundstufe beginnen wird, ist für Familien freiwillig. Es wird wissenschaftlich von der Pädagogischen Hochschule Bern begleitet, um eine rigorose Bewertung seiner Wirksamkeit zu gewährleisten. Die Bildungsdirektion des Kantons Bern unterstützt die Initiative ebenfalls.
Yves Brechbühler, Mediensprecher der Bildungsdirektion, begrüsste das Experiment. Er bemerkte, dass solche Versuche entscheidend sind, um innovative Lehrmethoden und Schulstrukturen zu erforschen. Diese Experimente können wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der öffentlichen Schulen liefern.
Die Herausforderung der Schulferien
Viele Eltern kämpfen mit der Organisation der Kinderbetreuung während der ausgedehnten Schulferien. Traditionelle Schulkalender schaffen oft erhebliche Lücken, was zu Stress und komplexen logistischen Arrangements für Familien führt, in denen beide Elternteile arbeiten. Das Belper Modell versucht, diesen Druck zu mindern, indem es die Anzahl der Wochen reduziert, in denen Kinder schulfrei sind.
Eltern- und Expertenperspektiven
Diana Schmid, Mitglied des Elternrats in Belp, hat zwei schulpflichtige Kinder und arbeitet Vollzeit. Sie kennt die Herausforderungen der Ferienbetreuung aus erster Hand. „Das ist ein mutiges Projekt“, bemerkte Schmid und hob die Notwendigkeit innovativer Bildungsansätze hervor. Sie glaubt, dass solche Initiativen wichtig sind, um alternative Wege für die Funktionsweise von Schulen aufzuzeigen.
Professorin Katharina Maag Merki vom Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich zeigte sich ebenfalls begeistert von der Idee. Sie glaubt, dass ein Pilotprojekt wie das in Belp das Potenzial hat, das Schuldesign grundlegend neu zu denken. Es bietet die Möglichkeit zu überlegen, wie der Unterricht über den gesamten Schultag hinweg effektiver strukturiert werden kann.
Verbesserung der Lernqualität
Professorin Maag Merki sieht die zentrale Herausforderung darin, die Qualität der Bildung innerhalb dieses neuen Modells zu verbessern. Sie strebt an, dass Kinder mehr profitieren und effektiver lernen. Sie argumentiert, dass traditionelle 45-Minuten-Lektionen, nach Fächern aufgeteilt, Unruhe erzeugen und tieferes Lernen behindern können.
Das Belper Pilotprojekt mit seiner verlängerten täglichen Präsenz und dem Fokus auf praktische Aktivitäten bietet die Möglichkeit, diese traditionellen Einschränkungen zu überwinden. Es ermöglicht eine integriertere und weniger fragmentierte Lernerfahrung, die potenziell eine bessere Konzentration und ein tieferes Verständnis bei den Schülern fördern kann.
- Elternunterstützung: Eltern wie Diana Schmid sehen das Projekt als mutigen Schritt zu besseren Kinderbetreuungslösungen.
- Akademisches Interesse: Experten wie Katharina Maag Merki glauben, dass es eine Chance bietet, die Unterrichtsqualität und die Lernergebnisse der Schüler zu verbessern.
- Innovation: Das Projekt zielt darauf ab, über abstraktes Lernen hinauszugehen und sich auf praktische, reale Beteiligung zu konzentrieren.
Die sechsjährige Dauer des Pilotprojekts, gepaart mit wissenschaftlicher Begleitung, wird umfassende Daten über seinen Erfolg liefern. Die Ergebnisse könnten zukünftige Bildungsreformen im gesamten Kanton und darüber hinaus beeinflussen und einen neuen Entwurf dafür bieten, wie Schulen sich an die Bedürfnisse der modernen Gesellschaft und Familien anpassen können.




