Die Berner Bevölkerung stimmt am 30. November über die Zukunft des Gaswerkareals ab, ein bedeutendes städtebauliches Entwicklungsprojekt. Diese Abstimmung wird über das Schicksal eines geplanten neuen Quartiers mit rund 500 Wohnungen sowie über den Erhalt des Gaskessels als Kulturzentrum entscheiden. Die Vorschläge stossen auf Widerstand des Kollektivs 'Anstadt', das seit sieben Jahren einen Teil des Areals besetzt.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Berner Bürger stimmen am 30. November über den Entwicklungsplan für das Gaswerkareal ab.
- Der Plan umfasst rund 500 neue Wohnungen, wovon 75% als bezahlbarer oder genossenschaftlicher Wohnraum vorgesehen sind.
- Das Kollektiv 'Anstadt', das derzeit einen Teil des Areals besetzt, lehnt die aktuellen Vorschläge ab.
- Die Debatte dreht sich um bezahlbaren Wohnraum, den Verlust von Grünflächen und die Hochwassergefährdung des Areals.
- Eine separate Abstimmung betrifft den Bereich 'Brückenkopf West', wo ein Hochhaus vorgeschlagen wird.
Vorgeschlagene Entwicklungspläne für das Gaswerkareal
Der städtische Plan für das Gaswerkareal sieht ein lebendiges neues Quartier vor. Es wird Wohngebäude umfassen, mit einem starken Fokus auf bezahlbare Wohnmöglichkeiten. Der Gaskessel, ein bekanntes Jugend- und Kulturzentrum, soll im Rahmen des neuen Designs erhalten bleiben.
Konkret zielt das Projekt darauf ab, dass mindestens 50% der neuen Wohnungen von Wohnbaugenossenschaften entwickelt werden. Weitere 25% sind für subventionierten, bezahlbaren Wohnraum durch die Stadt vorgesehen. Dieses Engagement spiegelt den Wunsch wider, den Berner Wohnungsherausforderungen zu begegnen.
Projekt auf einen Blick
- 500 neue Wohnungen geplant.
- 50% für Wohnbaugenossenschaften.
- 25% für städtisch subventionierten, bezahlbaren Wohnraum.
- Gaskessel bleibt Jugend- und Kulturzentrum.
- Insgesamt 75% gemeinnütziger Wohnraum.
Die bevorstehende Abstimmung umfasst zwei Hauptvorlagen. Die erste ist eine Änderung des Zonenplans, die die zukünftige Nutzung des Gebiets definiert. Die zweite betrifft die Ermächtigung des Gemeinderats, Baurechte für Bauparzellen zu erteilen und einen Kredit von 25 Millionen Schweizer Franken für die notwendige Infrastruktur auf dem Areal zu genehmigen. Die Stimmberechtigten entscheiden auch über die Aufwertung des 'Brückenkopf West', ein Projekt, das den Monbijou-Quartier mit dem Gaswerkareal verbinden soll und Pläne für ein Hochhaus beinhaltet.
Bedenken des Anstadt-Kollektivs
Das Kollektiv 'Anstadt' besetzt seit sieben Jahren den südwestlichen Teil des Gaswerkareals und beherbergt derzeit rund 50 Personen. Diese Gemeinschaft lehnt die städtischen Entwicklungspläne vehement ab und argumentiert, sie seien nicht progressiv genug.
„Es gibt kaum eine Debatte über die Möglichkeiten für das Gaswerkareal. Kritische Stimmen werden unterdrückt. Wir wollen uns Gehör verschaffen und zeigen, dass nicht alle einverstanden sind.“
Max Gnant, seit dreieinhalb Jahren Bewohner von Anstadt, kritisiert das Projekt als visionslos. Er argumentiert, dass bezahlbarer Wohnraum zwar wichtig sei, der gewählte Standort jedoch nicht ideal sei. Die Website des Kollektivs beschreibt das Projekt als „nur scheinbar sozial und progressiv.“
'Anstadt' verstehen
Das Anstadt-Kollektiv repräsentiert eine alternative Wohngemeinschaft. Sie haben sich auf dem Gaswerkareal etabliert und setzen sich für autonome Räume und alternative Stadtentwicklungsmodelle ein. Ihr einzigartiger Lebensstil und ihr Gemeinschaftsfokus sind zentral für ihren Widerstand gegen die städtischen Pläne.
Gnant erklärt weiter, dass 'bezahlbarer Wohnraum' in diesem Kontext 25% subventionierten Wohnraum und 50% kostendeckende Miete bedeutet. Er betont, dass kostendeckende Miete bei Neubauten nicht unbedingt wirklich günstigen Wohnraum bedeutet, sondern wahrscheinlich die Mittelschicht anspricht. Die Umzonung eines öffentlichen Nutzungsbereichs zur teilweisen Privatisierung betrachtet er als Niederlage.
Die Perspektive der Stadt zum bezahlbaren Wohnraum
Dominik Fitze, der SP-Fraktionspräsident im Stadtrat, verteidigt die Pläne der Stadt. Er räumt ein, dass das Auftauchen von Anstadt nach Beginn des politischen Prozesses für die Entwicklung einen unglücklichen Zeitpunkt darstellte. Er weist darauf hin, dass das Gebiet bei Projektbeginn eine Industriebrache war.
Fitze präzisiert das Konzept der kostendeckenden Miete. Er erklärt, dass sie sicherstellt, dass keine Immobiliengesellschaft über Jahrzehnte hinweg die Mieten zur Gewinnmaximierung kontinuierlich erhöhen kann. Er ist überzeugt, dass wirklich bezahlbarer Wohnraum durch effiziente Baupraktiken erreicht werden kann, und nennt das Projekt „Hubergass“ in Holligen als Beispiel, wo die Stadt das Projekt der kostengünstigsten Genossenschaft zugesprochen hat.
Laut Fitze war die Entscheidung im Jahr 2018, 75% gemeinnützigen Wohnraum anzustreben, ein bedeutender Schritt. Er hebt hervor, dass dies eines der ersten Projekte seit langem ist, bei dem die Stadt so viele Wohnungen direkt baut. Er räumt ein, dass kein Projekt perfekt ist, betont aber die Dringlichkeit, während einer Wohnungskrise bezahlbare Wohnungen zu bauen.
Umweltbedenken und alternative Visionen
Über die Wohnungsbezahlbarkeit hinaus berührt die Debatte auch Umweltaspekte. Max Gnant warnt davor, dass Bern eine grosse Grünfläche mit hoher Biodiversität verlieren könnte, die als wichtiges Erholungsgebiet dient. Er beschreibt das Gaswerkareal als Überschwemmungsgebiet und merkt an, dass das Wasser alle zwei Jahre bis zu einem Meter hoch steigen kann.
Gnant verweist auf eine „Gaswerk-Charta“ von Stadtplanern und Landschaftsschützern. Diese Charta listet zehn Gründe auf, warum eine Bebauung des Gaswerkareals ungeeignet ist, und schlägt andere Gebiete in Bern für eine dichte Bebauung vor. Er plädiert für einen visionäreren Ansatz zur Behebung des Wohnungsmangels, der sich auf Gesetzesreformen wie die Besteuerung von Spitzenverdienern und die Verhinderung von Leerstand konzentriert.
Herausforderungen des Standorts
- Als Überschwemmungsgebiet identifiziert, das alle zwei Jahre bis zu 1 Meter Wasser erlebt.
- Bedenken hinsichtlich des Verlusts bedeutender Grünflächen und Biodiversität.
- Frühere städtebauliche Wettbewerbe wiesen auf die Ungeeignetheit für dichte Bebauung hin.
Dominik Fitze entgegnet, dass, obwohl Teile des Gaswerkareals grün sind, ein Grossteil davon eine grosse, lange leerstehende Industriebrache mit versiegelten Betonflächen ist. Er stimmt der Notwendigkeit einer städtischen Verdichtung zu, merkt aber an, dass die Stadt nur über Land, das sie besitzt, direkte Kontrolle hat. Externe Gebiete wie Kirchenfeld sind für solche Projekte nicht direkt von der Stadt verwaltbar.
Fitze betont das Engagement der Stadt, Wohnungsprobleme mit den verfügbaren Mitteln anzugehen, wie der Regulierung von Airbnb und der Mietpreiskontrolle bei Renovierungen. Er erklärt, dass der Fokus der Stadt darauf liegt, Land der Spekulation zu entziehen und mehr gemeinnützigen Wohnraum zu bauen.
Die Zukunft von Anstadt und alternativem Wohnen
Ein Stadtratspostulat, das Dominik Fitze mit eingereicht hat, fordert die Prüfung alternativer Wohnformen und Freiräume innerhalb der Gaswerkareal-Entwicklung. Dies zeigt die Bereitschaft, die Rolle von Anstadt zu berücksichtigen. Die Antwort des Gemeinderats deutet darauf hin, dass Anstadt als Wohnbaugenossenschaft teilnehmen könnte.
Fitze spricht sich für die Integration von Anstadt in das Projekt aus und schlägt vor, dass es sich zu einer Wohnbaugenossenschaft entwickeln könnte. Er stellt sich eine Zukunft vor, in der das Gebiet vielleicht als „Quartierraum Anstadt“ statt „Wagenplatz Anstadt“ bekannt sein könnte. Er ist überzeugt, dass neue, experimentelle Wohnformen für die Stadt unerlässlich sind.
Max Gnant hingegen hält die Chancen von Anstadt, Bauherr zu werden, für gering. Er verweist auf kantonale Vorschriften, die eine hohe Ausnutzungsziffer von 15'000 bis 20'000 Quadratmetern beheizter Wohnfläche vorschreiben. Solche Zahlen sind für einen Wagenplatz unmöglich zu erreichen. Ein Vorschlag zur Reduzierung dieser Zahlen wurde vom Stadtrat abgelehnt.
„Ich glaube, es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir als Anstadt realistische Chancen haben, Bauherr zu werden. Es gibt kantonale Vorgaben, die eine Ausnutzungsziffer von 15'000 bis 20'000 Quadratmetern beheizter Fläche vorschreiben, die Wohnfläche sein muss. Das kann man mit einem Wagenplatz niemals erreichen.“
Trotz dieser Herausforderungen sieht Gnant Wert in einer kollaborativen Zukunft. Er glaubt an die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen für langfristiges, legales experimentelles Wohnen. Er hebt die Rolle von Anstadt als nicht-kommerziellen Treffpunkt hervor, der Veranstaltungen, Wissensaustausch und politische Versammlungen fördert. Anstadt unterstützt auch bedürftige Personen, wobei ein Fünftel seiner Bewohner Menschen in Notsituationen sind, die durch andere soziale Sicherungssysteme gefallen sind.
Dominik Fitze bestätigt das Engagement der SP, eine sinnvolle Lösung für Anstadt zu finden, und hat bereits erfolgreich dafür gesorgt, dass das Kollektiv bis zum Baubeginn bleiben kann. Er betont die Bedeutung alternativer Räume für Bern und zieht Parallelen zur langjährigen kulturellen Wirkung von Institutionen wie der Reitschule. Obwohl er mit den Bedenken von Anstadt sympathisiert, hält Fitze den Bau dringend benötigter gemeinnütziger Wohnungen für eine oberste Priorität der Stadt.




