Ein erheblicher Konflikt ist innerhalb der Berner Jägerschaft entstanden. Viele lokale Jagdvereine kritisieren offen Lorenz Hess, den langjährigen Präsidenten des Berner Kantonalen Jägerverbandes (BEJV). Sie werfen ihm vor, ihre Interessen bei der Entwicklung neuer Jagdvorschriften für den Kanton nicht ausreichend vertreten zu haben.
Diese Unzufriedenheit hat dazu geführt, dass 17 der 29 Berner Jagdvereine zusammen mit Hess' Vorgänger direkt an Regierungsrat Christoph Ammann appelliert haben. Die Situation verdeutlicht eine tiefe Spaltung darüber, wie zukünftige Jagdpraktiken in der Region geregelt werden sollen.
Wichtige Erkenntnisse
- 17 von 29 Berner Jagdvereinen lehnen die neuen Jagdvorschriften ab.
- BEJV-Präsident Lorenz Hess wird unzureichende Vertretung vorgeworfen.
- Kritiker bemängeln mangelnde Beteiligung in der Vorkonsultationsphase und schlechte Kommunikation.
- Hess verteidigt sein Vorgehen und bezeichnet die Opposition als "Schmutzkampagne".
- Der Konflikt betrifft vorgeschlagene Änderungen der Jagdzeiten und -praktiken.
Neue Jagdvorschriften lösen Kontroverse aus
Der Kern des Streits liegt in den vorgeschlagenen Änderungen der Berner Jagdverordnung. Diese Änderungen, angeführt von der kantonalen Jagdinspektorin Nicole Imesch, zielen darauf ab, die Jagdpraktiken grundlegend neu zu strukturieren. Viele Jäger betrachten diese Revisionen als überstürzt und unvereinbar mit ihrem Berufsleben.
Bisher variierten die Jagdzeiten im Kanton Bern je nach Tierart und dauerten Wochen oder Monate, mit drei jagdfreien Tagen pro Woche. Der neue Vorschlag sieht gleichzeitige Jagdperioden für die meisten Arten vor, organisiert in mehreren konzentrierten Blöcken.
Faktencheck
Die vorgeschlagenen Änderungen würden die Jagdperioden in Blöcke zusammenfassen und die traditionellen Zeitpläne für Jäger ändern.
Vorwürfe der Basisferne
Eine Gruppe, die sich "Berner Jagd-Initiative" nennt, hat scharfe Kritik an Präsident Hess geäussert, wenn auch weitgehend anonym. Mitglieder behaupten, Hess habe den Kontakt zur Basis verloren. Sie werfen ihm vor, Jäger und den BEJV-Vorstand nicht rechtzeitig über die weitreichenden Änderungen informiert zu haben.
Ein erfahrener Jäger aus dem Oberland, der anonym bleiben wollte, erklärte, die Unzufriedenheit sei noch nie so hoch gewesen. Er äusserte Verwirrung darüber, warum Hess diese Änderungen ohne einen partizipativeren Ansatz zulassen würde.
Präsident Hess verteidigt sein Vorgehen
Lorenz Hess, ausgebildeter PR-Berater und Nationalrat, hat in einer schriftlichen Stellungnahme auf die Vorwürfe reagiert. Er beschreibt die Opposition als "Machenschaften einiger weniger Akteure". Hess beteuert, dass der Vorstand frühzeitig über die allgemeine Richtung und die Eckpunkte der geplanten Revision informiert wurde.
Er fügte hinzu, dass die Jagdvereine mehrfach die Möglichkeit hatten, Feedback zu geben. Anfang November fand eine ausserordentliche Präsidentenkonferenz mit allen Vereinspräsidenten statt. Anschliessend erhielten alle Vereine einen Fragebogen zu den vorgeschlägen Verordnungsänderungen. Hess versichert, der Vorstand habe gegenüber dem Kanton in wichtigen Punkten eine kritische Haltung eingenommen.
"Eine absurdere Unterstellung ist kaum möglich", sagte Hess zu den Behauptungen, er habe die Änderungen einfach durchgewinkt. "Ein Verbandspräsident hat weder die Möglichkeit, etwas durchzuwinken, noch es im Rahmen einer offiziellen Vernehmlassung an den Absender zurückzusenden."
Hintergrund
Lorenz Hess ist seit über 15 Jahren Präsident des Berner Kantonalen Jägerverbandes (BEJV). Er ist auch Nationalrat für die Partei Die Mitte.
Interner Vorstandskonflikt
Die Meinungen darüber, ob Hess die Jägerschaft ausreichend und frühzeitig einbezogen hat, gehen stark auseinander. Diese Meinungsverschiedenheit erstreckt sich auch auf den BEJV-Vorstand selbst. Berichte deuten auf einen "Krieg" innerhalb des Vorstands hin, nachdem ein Mitglied angeblich interne Dokumente an die Basis weitergegeben hatte.
Direkter Appell an die Kantonsregierung
Christian Bock, Präsident des Jagdvereins Seeland und ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Zoll und Grenzsicherheit, unternahm im Dezember den aussergewöhnlichen Schritt, direkt an Regierungsrat Christoph Ammann zu schreiben. Sein Schreiben, das von 17 der 29 Berner Jagdvereine in identischer Form eingereicht wurde, drückte ein mangelndes Vertrauen in die Vertretung durch den BEJV-Vorstand aus.
Bock hob die "fehlende Einbindung" der Jäger während der Vorkonsultationsphase und die wahrgenommene mangelnde Transparenz der Verbandsführung hervor. Er beschrieb die Opposition als "sehr breit und stark" in der gesamten Berner Jägerschaft und berief sich auf interne Umfragen.
- 17 von 29 Vereinen unterzeichneten den Brief an Regierungsrat Ammann.
- Der Brief drückt explizit das Gefühl aus, "nicht ausreichend vertreten" zu sein.
- Der ehemalige Zolldirektor Christian Bock führt den Widerstand gegen den BEJV-Vorstand an.
Hess weist Umfragen der Opposition zurück
Hess konterte Bocks Behauptungen und deutete an, dass "einige Präsidenten" inmitten der allgemeinen Unsicherheit, die durch die Revision verursacht wurde, "instrumentalisiert" worden seien, um den Brief einzureichen. Er wies die Umfragen der Opposition als "nicht repräsentativ" zurück und erklärte, der BEJV habe eine eigene "relevante" Umfrage unter seinen Mitgliedern durchgeführt.
Vorgänger schliesst sich dem Kampf an
Anfang Februar schrieb auch Peter Zenklusen, Hess' Vorgänger als BEJV-Präsident, an Ammann. Zenklusens Brief, verfasst im Namen "langjähriger Berner Jagdfunktionäre und aktiver Jäger", spiegelte das Gefühl einer "massiven und sehr breiten Opposition" wider.
Hess sieht Zenklusens Beteiligung jedoch anders. Er erklärte, Zenklusen und die Gruppe ehemaliger Funktionäre seien "seit Jahren von einer Animosität gegenüber meiner Person getrieben". Hess wies auch darauf hin, dass Zenklusen sich kürzlich für eine stärkere Jagdregulierung eingesetzt hatte, was einen Widerspruch zu seiner aktuellen Haltung suggeriert.
Vorwürfe einer "Schmutzkampagne"
Hess weist die anonyme Kritik entschieden zurück und bezeichnet sie als "faktenfreie Agitation". Er findet es bezeichnend, dass viele Kritiker anonym bleiben. Hess behauptet, bestimmte "Exponenten dieser Gruppe" hätten sogar Gerüchte verbreitet, er persönlich habe den Inhalt der Revision entworfen, was er als "mehr als hinterhältig" bezeichnet.
Ein mit Hess befreundeter Jäger beschrieb die Situation als "Schmutzkampagne". Diese Person deutete an, dass die Jägerschaft sich machtlos gegenüber den von der Jagdinspektion geforderten Änderungen fühlt und Hess zu einem bequemen Ziel für ihre Frustration geworden ist.
Schlüsselfiguren
Lorenz Hess: Aktueller Präsident des Berner Kantonalen Jägerverbandes (BEJV) und Nationalrat.
Nicole Imesch: Kantonale Jagdinspektorin, treibende Kraft hinter den neuen Vorschriften.
Christian Bock: Präsident des Jagdvereins Seeland, ehemaliger Eidgenössischer Zolldirektor, führender Kritiker.
Peter Zenklusen: Hess' Vorgänger als BEJV-Präsident, ebenfalls kritisch gegenüber den neuen Regeln.
Zukunft von Hess' Präsidentschaft
Lorenz Hess ist bis 2027 als Präsident des Berner Kantonalen Jägerverbandes gewählt. Er hat angedeutet, dass er keine fünfte Amtszeit anstreben wird. Obwohl eine vorzeitige Absetzung theoretisch bei der nächsten Delegiertenversammlung im April möglich wäre, wurde bisher kein formeller Antrag auf seine Absetzung eingereicht.
Der anhaltende Konflikt verdeutlicht die Herausforderungen, Tradition, Regulierung und Vertretung innerhalb einer tief verwurzelten Gemeinschaft wie der Berner Jäger in Einklang zu bringen.




