Ein Vorschlag von SP-Politikerinnen, den gesamten Berner Stadthaushalt auf Geschlechtergerechtigkeit zu überprüfen, hat eine beträchtliche Debatte ausgelöst. Während Befürworter argumentieren, es sei eine entscheidende Investition in eine faire Ressourcenverteilung, stellt selbst der linksgerichtete Stadtrat dessen praktischen Nutzen und die erheblichen Kosten in Frage.
Wichtigste Erkenntnisse
- SP-Politikerinnen fordern eine umfassende Gender-Budgeting-Überprüfung der Berner Finanzen.
- Der Berner Stadtrat äussert Skepsis und verweist auf hohe Kosten und begrenzten erwarteten Nutzen.
- Kritiker, einschliesslich der SVP, warnen vor erhöhtem Verwaltungsaufwand und fordern die Konzentration auf Kernfinanzthemen.
- Befürworter sehen Gender-Budgeting als Investition in gerechte öffentliche Ausgaben.
Vorschlag für eine geschlechterorientierte Finanzprüfung
Drei Politikerinnen der Sozialdemokratischen Partei im Berner Stadtparlament haben einen Vorstoss eingereicht, der eine systematische Überprüfung des gesamten Finanzhaushalts der Stadt fordert. Ziel ist es, die finanzielle Gleichstellung aller Geschlechter zu gewährleisten. Der Vorschlag zielt darauf ab, spezifische Handlungsfelder zu identifizieren und Änderungen für eine geschlechtergerechtere Verteilung der Mittel zu empfehlen.
Die SP-Fraktion vertritt die Ansicht, dass diese Initiative für eine moderne öffentliche Verwaltung unerlässlich ist. Sie glauben, dass sie potenzielle Ungleichheiten bei der Zuweisung von Stadtmitteln aufzeigen und zu inklusiveren Politiken führen wird. Die Diskussion um diesen Vorschlag hat unterschiedliche Ansichten über die finanziellen Prioritäten der Stadt ans Licht gebracht.
„Durch Gender-Budgeting kann Bern besser sicherstellen, dass die finanziellen Ressourcen fair verteilt werden“, erklärt Vera Zotter, SP-Politikerin, und betont die langfristigen Vorteile einer solchen Analyse.
Fakt: Was ist Gender-Budgeting?
Gender-Budgeting beinhaltet die Analyse von Staatshaushalten, um deren Auswirkungen auf verschiedene Geschlechter zu bewerten. Ziel ist es, Ungleichheiten bei öffentlichen Ausgaben und Einnahmen zu identifizieren und zu beheben.
Stadtrat äussert Vorbehalte
Trotz der politisch linksgerichteten Berner Verwaltung hat der Stadtrat wenig Begeisterung für den SP-Vorschlag gezeigt. Der Rat betrachtet den Vorstoss aus Kosten-Nutzen-Sicht als unpraktisch. Er argumentiert, dass der erhebliche Aufwand für eine umfassende Finanzanalyse keine proportionalen Ergebnisse liefern würde.
Der Rat verweist auf ähnliche Analysen in anderen Städten, wie Luzern, wo insgesamt minimale geschlechtsspezifische Finanzunterschiede festgestellt wurden. Dieser Präzedenzfall legt nahe, dass eine gross angelegte Überprüfung in Bern ebenfalls nur wenige wesentliche Ungleichheiten aufdecken könnte, was die Investition fragwürdig macht.
Kontext: Berns Finanzlandschaft
Bern steht vor anhaltenden finanziellen und strukturellen Herausforderungen. Der Stadthaushalt wird aus verschiedenen Gründen, einschliesslich Infrastrukturbedarf und Sozialprogrammen, genau geprüft. Debatten drehen sich oft darum, wie begrenzte öffentliche Mittel am besten zugewiesen werden können, um die dringendsten Probleme der Bewohner anzugehen.
Gemäss der offiziellen Antwort des Stadtrats auf den Vorstoss würde „der hohe Aufwand einer umfassenden Analyse des Finanzhaushalts bezüglich Geschlechtergerechtigkeit nach Ansicht des Stadtrats in einem ungünstigen Verhältnis zum erwarteten Effekt stehen.“ Diese Aussage unterstreicht ihre Besorgnis über die Effizienz der vorgeschlagenen Massnahme.
Starke Kritik von konservativen Parteien
Konservative Parteien haben den Gender-Budgeting-Vorschlag scharf kritisiert, wobei sie sich hauptsächlich auf die potenziellen Kosten und den Verwaltungsaufwand konzentrierten. Thomas Fuchs, Präsident der SVP Stadt Bern, äusserte starken Widerstand und schlug vor, die Stadt solle sich auf greifbarere Probleme konzentrieren.
„Bern sollte sich lieber auf seine realen finanziellen und strukturellen Probleme konzentrieren“, erklärte Fuchs. Er betonte, dass eine solche Massnahme zu „mehr Stellen, mehr Berichten und mehr Verwaltungskosten – ohne messbaren Mehrwert für die Bevölkerung“ führen würde. Dies hält er angesichts der aktuellen Finanzlage der Stadt für unverantwortlich.
Die Bedenken der SVP finden Anklang bei einem Teil der Öffentlichkeit, der der Meinung ist, dass öffentliche Gelder für sofortige, sichtbare Verbesserungen der städtischen Dienstleistungen und Infrastruktur verwendet werden sollten. Sie argumentieren, dass die Zuweisung von Ressourcen für umfangreiche administrative Überprüfungen die Aufmerksamkeit und das Geld von diesen kritischen Bereichen ablenkt.
- Erhöhung des Verwaltungspersonals
- Erstellung zahlreicher neuer Berichte
- Höhere allgemeine Verwaltungskosten
- Fehlen klarer, messbarer Vorteile für die Bürger
Befürworter verteidigen Investition in Gleichheit
Trotz der Vorbehalte des Stadtrats und der starken Kritik von konservativen Fraktionen bleibt die SP-Fraktion ihrer Initiative verpflichtet. Sie argumentieren, dass die mit Gender-Budgeting verbundenen Kosten keine Ausgaben, sondern notwendige Investitionen in eine gerechtere Gesellschaft sind. Vera Zotter bekräftigte diesen Punkt und betonte die langfristigen gesellschaftlichen Gewinne.
Esther Meier von der Grünen Allianz unterstützt diese Ansicht und erklärt: „Geschlechtergerechtigkeit ist auch direkt eine Frage der gerechten Verteilung öffentlicher Gelder.“ Für sie geht es bei der Initiative nicht um politische Symbolik, sondern darum, sicherzustellen, dass öffentliche Gelder allen Teilen der Bevölkerung gerecht dienen.
Die Debatte um Gender-Budgeting in Bern spiegelt eine breitere Diskussion darüber wider, wie Städte soziale Gerechtigkeit neben wirtschaftlicher Effizienz priorisieren. Befürworter glauben, dass die Vernachlässigung von Geschlechterperspektiven bei der Budgetierung bestehende Ungleichheiten aufrechterhalten kann, wodurch proaktive Massnahmen unerlässlich werden.
Momentaufnahme der öffentlichen Meinung
Jüngste informelle Umfragen zeigen eine geteilte öffentliche Meinung zu geschlechterbezogenen Diskussionen. Etwa 60% der Befragten glauben, dass aktuelle Debatten oft übertrieben oder zu dominant sind, während 30% sie als wichtig erachten, um bestehende Ungleichheiten anzugehen und gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Die restlichen 10% sind unentschlossen.
Die erste Abstimmung über den Vorschlag des Berner Stadtparlaments war für letzten Donnerstag angesetzt, wurde aber aus Zeitgründen verschoben. Diese Verzögerung ermöglicht weitere Diskussionen und möglicherweise präzisere Argumente von beiden Seiten der Debatte. Das Ergebnis wird einen Präzedenzfall dafür schaffen, wie Bern soziale Gerechtigkeit in seiner Finanzplanung angeht.




