Bern, oft als beschauliche Stadt wahrgenommen, weist einen unverwechselbaren politischen und sozialen Charakter auf, der sie innerhalb der Schweiz einzigartig macht. Während sie mit ihren Sandsteinfassaden ein Bild von ruhigem Charme vermittelt, offenbart ein genauerer Blick eine Gemeinschaft, die tief in einem Gefühl der kollektiven Fürsorge und einer ausgeprägten linksgerichteten politischen Haltung verwurzelt ist. Diese Identität prägt alles, von der lokalen Verwaltung bis zu den Erwartungen ihrer Bewohner.
Wichtige Erkenntnisse
- Bern pflegt ein starkes Gemeinschaftsgefühl und kollektive Verantwortung.
- Die politische Landschaft der Stadt wird überwiegend von links-grünen Ideologien dominiert.
- Berner Wähler weichen oft erheblich von nationalen Abstimmungsmustern ab, insbesondere bei Wirtschaftsfragen.
- Die Bewohner priorisieren lokalen Komfort und soziale Solidarität über externe Einflüsse.
Der beständige Charakter Berns
Berns Identität wird oft als die einer 'Fürsorgestadt' beschrieben, in der die Bewohner ein hohes Mass an Fürsorge und Versorgung erwarten und erhalten. Dieses Sicherheitsgefühl ist tief verwurzelt. Selbst bei öffentlichen Demonstrationen, wie einem pro-palästinensischen Protest im Oktober 2025, der in Unruhen eskalierte, äusserten die Teilnehmer Berichten zufolge Überraschung, als die Polizei Bitten um Komfortartikel wie Decken nicht erfüllte.
Diese Erwartung der Versorgung erstreckt sich auch auf die öffentliche Politik. Der Grüne Sicherheitsdirektor der Stadt, ein ehemaliger Bürgermeister, reagierte auf den Protest, indem er mehr Überwachung potenzieller Unruhestifter vorschlug. Er beschrieb dies als einen 'liberalen' Ansatz und hob die einzigartige Berner Interpretation politischer Begriffe hervor.
Wussten Sie schon?
Eine alte Inschrift auf Berner Wasserkaraffen lautet: "Glas verheit, Bärn besteit" (Glas zerbricht, Bern bleibt bestehen), was den beständigen und unveränderlichen Charakter der Stadt widerspiegelt.
Die insuläre Natur der Stadt ist eine häufige Beobachtung. Wer Bern verlässt, hört oft die Frage: "Ändu, wenn chunnsch wider hei?" (Wann kommst du wieder nach Hause?). Diese Stimmung unterstreicht eine starke Verbundenheit mit der Stadt und einen subtilen Widerstand gegen externe Veränderungen. Das Berner Leben dreht sich um lokale Sportvereine wie YB und SCB, jährliche Veranstaltungen wie den Zibelemärit und lokale Kulturpersönlichkeiten.
Politische Einzigartigkeit und Links-Grüne Dominanz
Bern sticht politisch hervor. Es ist die einzige Schweizer Gemeinde, abgesehen vom winzigen 34-Einwohner-Dorf Schelten, die die Erbschaftssteuerinitiative angenommen hat. Diese Initiative wurde national von 78,3 Prozent der Wähler abgelehnt, aber Bern stimmte mit 50,75 Prozent dafür. Dieser starke Kontrast unterstreicht Berns einzigartige politische Neigungen.
"Bern ist nicht wie die 'Gelateria di Berna' mit vielen Eissorten. Bern bietet nur Rot-Grün."
Die politische Landschaft der Stadt wird überwiegend von links-grünen Parteien dominiert. Das zentristischste Mitglied der Stadtregierung gehört der Grünliberalen Partei an. Dieses 'anderthalb-farbige' politische Umfeld besteht seit Jahren. Es ist kein Ergebnis politischen Zwangs, sondern ein Spiegelbild der Präferenzen der Bewohner. Die lokale Bevölkerung stimmt aktiv für diese kontinuierliche linksgerichtete Mehrheit.
Hintergrund zu Schweizer Initiativen
Die direkte Demokratie der Schweiz ermöglicht es den Bürgern, Initiativen vorzuschlagen und darüber abzustimmen, die die Verfassung ändern können. Die Erbschaftssteuerinitiative zielte darauf ab, die Steuern auf grosse Erbschaften zu erhöhen, um die Sozialversicherung zu finanzieren, scheiterte jedoch national aufgrund breiter Opposition.
Diese politische Homogenität fördert ein starkes Gefühl gemeinsamer Werte. Die Bewohner arbeiten oft für den Staat und schaffen so eine Gemeinschaft, in der Nachbarn und Freunde Kollegen sind. Dieses gemeinsame berufliche und soziale Gefüge verstärkt die kollektive Identität der Stadt und ihre linksgerichtete politische Ausrichtung.
Eine Stadt der gemeinsamen Werte und des Komforts
Bern wird manchmal mit einer Wohngemeinschaft (WG) verglichen, in der der kollektive Konsens oft die Entscheidungen bestimmt. Während kleinere Meinungsverschiedenheiten auftreten können, etwa darüber, wer Bio-Vegan-Joghurt im Kühlschrank verderben liess, bleibt die grundlegende Übereinstimmung in Kernwerten stark. Diskussionen drehen sich oft darum, wie das soziale Wohl weiter gefördert werden kann, zum Beispiel ob kommunale Verteilstellen für kostenlose Joghurts eingerichtet werden sollen.
- Gemeinschaftsfokus: Starker Schwerpunkt auf die lokale Gemeinschaft und das gemeinsame Wohlbefinden.
- Soziale Solidarität: Ein tiefes Vertrauen in kollektive Verantwortung und Unterstützungssysteme.
- Umweltbewusstsein: Hohe Priorität für ökologische und nachhaltige Praktiken.
- Lokaler Stolz: Starke Loyalität gegenüber lokaler Kultur, Sport und Traditionen.
Die inoffizielle Hymne Berns, "Bälpmoos, schpick mi furt vo hie" (Belpmoos, flieg mich von hier weg), spiegelt eine spielerische Sehnsucht nach Abenteuer wider, aber auch eine tiefe Zufriedenheit mit dem Komfort und der Stabilität des Berner Lebens. Die Bewohner träumen gross, ziehen es aber vor, ihr kleines, unmittelbares Glück zu pflegen.
Diese Zufriedenheit bedeutet, dass Berner Bewohner zwar grosse Ideen von sozialer Gerechtigkeit erwägen mögen – wie die Umverteilung von Reichtum von den Wohlhabenden, um eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu schaffen –, sie aber selten dem Impuls folgen, ihre komfortable Umgebung zu verlassen. Die Stadt ist wirklich ein Ort, an dem Geben als weniger gesegnet angesehen wird als Empfangen, was eine einzigartige Form des gemeinschaftlichen Lebens verkörpert.
Der unverwechselbare Charakter der Stadt, von ihren politischen Neigungen bis zu ihrem sozialen Gefüge, macht Bern zu einer faszinierenden Fallstudie urbaner Identität. Sie zeigt, wie eine Gemeinschaft gedeihen kann, indem sie ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, kollektive Fürsorge und eine konsistente politische Vision priorisiert, auch wenn dies bedeutet, von nationalen Trends abzuweichen.




