Vier Jahre nachdem die Schweizer Stimmbevölkerung eine Initiative zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Pflegesektor überwältigend angenommen hat, werden diesen Samstag Tausende von Gesundheitsfachkräften in Bern zusammenkommen. Aus Frustration über die verzögerte Umsetzung und die sich verschärfenden Personalengpässe fordern Pflegefachkräfte und ihre Gewerkschaften sofortiges Handeln der Regierung.
Die Demonstration unterstreicht eine wachsende Krise im nationalen Gesundheitssystem, wo Burnout und hohe Fluktuationsraten die Qualität der Patientenversorgung bedrohen. Die Organisatoren warnen, dass ohne wesentliche Fortschritte bei den 2021 versprochenen Reformen weitere störende Arbeitskampfmassnahmen, einschliesslich Streiks, unvermeidlich werden könnten.
Wichtige Erkenntnisse
- Pflegefachkräfte veranstalten eine nationale Demonstration in Bern, um gegen Verzögerungen bei der Umsetzung der Pflegeinitiative 2021 zu protestieren.
- Nur der auf die Ausbildung fokussierte erste Teil der Initiative ist aktiv; entscheidende Verbesserungen der Arbeitsbedingungen sind im Parlament ins Stocken geraten.
- Die vorgeschlagenen Änderungen könnten jährlich bis zu 2 Milliarden Schweizer Franken kosten, eine Zahl, die zu einem Hauptstreitpunkt geworden ist.
- Die Schweiz steht vor einem gravierenden Pflegenotstand mit über 8'600 offenen Stellen und einer Personalfluktuationsrate, die in einem Jahrzehnt um fast 30 % gestiegen ist.
Ein unerfülltes Versprechen
Im November 2021, auf dem Höhepunkt der COVID-19-Pandemie, stimmten 61 % der Schweizer Wählerinnen und Wähler für die Pflegeinitiative. Das Ergebnis wurde als starkes öffentliches Mandat angesehen, die systemischen Probleme des Berufsstands anzugehen. Der anfängliche Optimismus ist jedoch seither einer tiefen Frustration gewichen.
Die Initiative war in zwei Teile gegliedert. Der erste, eine Ausbildungsoffensive, ist bereits im Gange. Er stellt eine Milliarde Schweizer Franken zur Unterstützung von Pflegestudierenden bereit und ermöglicht es erfahrenen Fachkräften, bestimmte Leistungen direkt mit den Krankenkassen abzurechnen. Doch der zweite, kritischere Teil – der auf die Verbesserung der täglichen Arbeitsbedingungen abzielt – steckt weiterhin in der politischen Debatte fest.
Ein Vorschlag des Bundesrates liegt seit über sechs Monaten beim Gesundheitsausschuss des Nationalrats, wobei sich die Debatten hauptsächlich um die finanziellen Auswirkungen drehen.
Was der Bundesrat vorgeschlagen hat
Der Plan der Regierung umfasst mehrere Massnahmen zur Entlastung des Pflegepersonals. Zu den wichtigsten Vorschlägen gehören:
- Reduzierung der maximalen wöchentlichen Arbeitszeit von 50 auf 45 Stunden.
- Verpflichtung der Arbeitgeber, Arbeitspläne mindestens vier Wochen im Voraus bereitzustellen.
- Vorgabe einer finanziellen Entschädigung für kurzfristige Änderungen der Schichtpläne.
- Verpflichtung der Sozialpartner, über bessere Gesamtarbeitsverträge zu verhandeln.
Der Vorschlag enthält jedoch keine zentrale Forderung der Initiative: gesetzlich verbindliche Personal-Patienten-Verhältnisse, die nach Ansicht der Befürworter für die Patientensicherheit unerlässlich sind.
Die hohen Kosten der Untätigkeit
Die vorgeschlagenen Verbesserungen sind mit einem erheblichen Preis verbunden, der auf bis zu 2 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr geschätzt wird. Arbeitgeber, einschliesslich Spitäler, Pflegeheime und Spitex-Organisationen, argumentieren, dass ihre finanzielle Situation bereits extrem angespannt sei und sie diese zusätzlichen Kosten unter den derzeitigen Tarifstrukturen nicht absorbieren könnten.
Der Ausschuss des Nationalrats prüft nun verschiedene Finanzierungsmodelle, von Bundes- und Kantonszuschüssen bis hin zu erhöhten Tarifen, die zu höheren Krankenkassenprämien für die Öffentlichkeit führen könnten.
„Die teuerste Option ist, nichts zu tun“, erklärte Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK). „Wir können es uns nicht leisten, in eine Ausbildungsoffensive zu investieren, nur um dann zuzusehen, wie diese hochqualifizierten Fachkräfte den Beruf wegen unerträglicher Bedingungen verlassen.“
Ribi argumentiert, dass das Versäumnis des Bundesrates, einen klaren Finanzierungsplan vorzulegen, fahrlässig sei. Wenn Institutionen gezwungen würden, diese Änderungen ohne zusätzliche Unterstützung zu finanzieren, warnt sie, werde dies den Druck auf eine bereits erschöpfte Belegschaft nur noch verstärken.
Die Schweizer Pflegekrise in Zahlen
- 8'600+ offene Pflegestellen landesweit.
- 40% der Pflegefachkräfte verlassen den Beruf vor Erreichen des Rentenalters.
- Die durchschnittliche Karrieredauer einer Pflegefachkraft beträgt nur 14 Jahre.
- Die Personalfluktuation ist zwischen 2013 und 2023 um fast 30% gestiegen.
- Jede vierte Pflegefachkraft wechselt innerhalb eines Jahres den Arbeitsplatz.
Stimmen von der Front
Für die im Berufsfeld Tätigen sind die Verzögerungen nicht nur eine Frage der Politik, sondern eine tägliche Realität. Sandra Schmied, eine Pflegefachfrau in einem Pflegeheim im Kanton Bern, plant, an dem Protest teilzunehmen. „Die Zahl und Komplexität der pflegebedürftigen Bewohner nimmt zu, aber viele Pflegefachkräfte sind ausgebrannt und kündigen“, erklärte sie. „Die langsame Umsetzung dieser Initiative verschärft den Pflegenotstand nur noch.“
Friederike Flückiger, die am Universitätsspital in Lausanne arbeitet, teilt diese Ansicht. Sie empfindet, dass sich die Bedingungen seit der Annahme der Initiative verschlechtert haben.
„Das Personal ist am Limit“, sagte Flückiger. „Ich bin enttäuscht und wütend auf den Bundesrat, weil er keine wirksamen Verbesserungen vorgelegt hat.“ Sie fügte hinzu, dass sie die Unterstützung von Streikvorbereitungen „nicht ausschliessen würde, wenn es so weit kommt.“
Eine wachsende Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften
Die Personalkrise hat die Schweiz stark von Gesundheitsfachkräften aus dem Ausland abhängig gemacht. Daten des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigen das Ausmass dieser Abhängigkeit. Landesweit verfügen 30 % des Pflegepersonals in Spitälern und Pflegeheimen über ein ausländisches Diplom.
In bestimmten Regionen ist die Zahl noch ausgeprägter. In der Westschweiz und im Tessin wurde fast die Hälfte aller Pflegefachkräfte ausserhalb des Landes ausgebildet.
Während dieser Zustrom an Fachkräften dazu beigetragen hat, kritische Lücken zu schliessen, warnen Experten, dass dies keine nachhaltige Lösung für eine nationale Arbeitskräftekrise ist. Die Befürworter der Initiative argumentieren, dass die einzige langfristige Antwort darin besteht, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das die in der Schweiz ausgebildeten Talente hält.
Während Tausende sich darauf vorbereiten, in Bern zu marschieren, ist ihre Botschaft klar: Die Zeit der Debatte ist vorbei. Sie fordern von den Politikern, dem Willen des Volkes nachzukommen und entschlossen zu handeln, um einen Beruf zu retten, der für die Gesundheit der Nation von entscheidender Bedeutung ist.




