Das Schweizer Parlament hat sich in seiner Wintersession mit einer Vielzahl kritischer nationaler Themen befasst. Die Gesetzgeber stimmten über Massnahmen ab, die Arbeitnehmer im Rentenalter, die Finanzierung lokaler Medien und die Zukunft der Invalidenversicherung (IV) betreffen. Ausserdem wurden neue Präsidenten für den Nationalrat und den Ständerat gewählt, die die legislative Agenda für das kommende Jahr festlegen.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Nationalrat hat Anträge zur Erhöhung des AHV-Freibetrags für Rentner um 5'000 Franken genehmigt.
- Das Parlament beschloss, den Anteil der Mediengebühren für lokale Radio- und Fernsehsender auf 6-8 Prozent zu erhöhen.
- Die Gesetzgeber stimmten für eine Stärkung der Rechte von Personen bei IV-Begutachtungen, um mehr Einfluss auf die Auswahl der Experten zu ermöglichen.
- Stefan Engler (Die Mitte, GR) wurde zum Ständeratspräsidenten und Pierre-André Page (SVP, FR) zum Nationalratspräsidenten gewählt.
- Der Nationalrat lehnte einen Antrag zur Überwachung des assistierten Suizids ab.
Unterstützung älterer Arbeitnehmer und Rentner
Der Nationalrat hat zwei Anträge genehmigt, die ältere Personen dazu ermutigen sollen, weiterhin zu arbeiten. Diese Massnahmen zielen darauf ab, finanzielle Anreize für Rentner zu schaffen, die im Erwerbsleben bleiben.
Eine zentrale Entscheidung betraf die Erhöhung des steuerfreien Freibetrags für Rentnereinkommen. Der Rat stimmte mit 130 zu 60 Stimmen bei einer Enthaltung dafür, diesen Freibetrag um 5'000 Franken zu erhöhen. Dies bedeutet, dass die aktuellen 16'800 Franken auf 21'800 Franken steigen werden.
Wichtige Statistik
Der AHV-Freibetrag für Rentnereinkommen soll von 16'800 Franken auf 21'800 Franken steigen, eine Erhöhung um 5'000 Franken.
Diese Erhöhung steht im Einklang mit den Richtlinien, die der Bundesrat Ende November für die nächste grosse AHV-Revision verabschiedet hat. Ziel ist es, die Erwerbstätigkeit über das Rentenalter hinaus zu fördern.
Der zweite Antrag, mit 129 zu 62 Stimmen angenommen, fordert höhere Zuschläge für Rentner, die ihre AHV-Leistungen aufschieben. Dieser Vorschlag zielt auch darauf ab, die aktuellen Reduktionssätze beizubehalten oder für diejenigen zu erhöhen, die AHV-Leistungen frühzeitig beziehen. Der Bundesrat lehnte diesen spezifischen Antrag ab.
Bedürfnisse des Arbeitsmarktes adressieren
Eine Mehrheit der Kommission des Nationalrats sieht in diesen Flexibilisierungsmassnahmen einen Weg, dem aktuellen Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die AHV-Ausgaben zu senken. Einige Mitglieder, wie Samira Marti (SP/BL), äusserten jedoch Bedenken, dass eine solche Flexibilität Personen dazu zwingen könnte, länger zu arbeiten, um eine angemessene Rente zu sichern.
Stärkung der Rechte bei Invalidenversicherungs-Begutachtungen
Der Nationalrat hat für eine Stärkung der Rechte von Personen gestimmt, die an Invalidenversicherungs-Begutachtungen (IV) beteiligt sind. Dieser Schritt zielt darauf ab, den betroffenen Personen mehr Mitspracherecht bei der Auswahl der Gutachter zu geben.
Mit 121 zu 62 Stimmen unterstützte die Kammer eine Gesetzesänderung. Diese Änderung schlägt vor, dass sich die zuständige IV-Stelle und die versicherte Person idealerweise auf einen Experten einigen sollten. Kommt es zu keiner Einigung, würden beide Parteien jeweils einen Spezialisten benennen. Diese beiden Experten würden dann gemeinsam die Begutachtung erstellen.
„Dies ist ein ernstes Thema, das vielen Menschen viel Leid zufügt“, sagte Manuela Weichelt (Grüne/ZG) im Namen der Kommission. Sie verwies auf frühere Kritik an externen Gutachterfirmen.
Der Bundesrat lehnte diese Änderung erfolglos ab und begründete dies mit Bedenken hinsichtlich potenziell längerer Bearbeitungszeiten. Auch die SVP sprach sich gegen die Änderung aus, wobei Andreas Glarner (SVP/AG) erklärte, dass es bereits einen Mangel an Experten gebe und dieses Problem sich verschärfen würde. Der Ständerat wird sich nun mit der Angelegenheit befassen.
Neue Führung für die Kammern
Die Wintersession begann mit der Wahl neuer Präsidenten für beide Parlamentskammern. Diese Wahlen markieren einen Führungswechsel für das kommende Jahr.
Stefan Engler (Die Mitte, GR) wurde mit einstimmigen 44 von 44 Stimmen zum Ständeratspräsidenten gewählt. Er folgt auf Andrea Caroni (FDP, AR). Werner Salzmann (SVP, BE) wird als Erster Vizepräsident fungieren. Engler sorgte vor seiner Wahl für Schlagzeilen, indem er auf die traditionelle Feier in seinem Heimatkanton verzichtete und damit rund 150'000 Franken einsparte. Er gab an, das ganze Jahr über mit der Öffentlichkeit in Kontakt treten zu wollen, anstatt nur bei einer einzigen Veranstaltung.
Im Nationalrat wurde Pierre-André Page (SVP, FR) zum Präsidenten gewählt. Er übernimmt von Maja Riniker (FDP, AG). Page, ein Meisterlandwirt, stellte sein Präsidialjahr unter das Motto „Die Zukunft kultivieren“.
Präsidiale Prioritäten
Pierre-André Pages präsidiales Motto, „Lasst uns die Zukunft kultivieren!“, betont die Investition in die Jugend, die Förderung von Innovation und die Stärkung der Ernährungs- und Energiesicherheit.
Er sprach in vier Sprachen und hob die Bedeutung des dualen Bildungssystems der Schweiz hervor und äusserte den Wunsch nach einer erfolgreichen Eishockey-Weltmeisterschaft in Zürich und Fribourg. Er äusserte auch die persönliche Hoffnung, dass sein Lieblingsteam, der HC Fribourg-Gottéron, die Schweizer Meisterschaft gewinnen möge.
Finanzierung lokaler Medien und weitere wichtige Entscheidungen
Lokale und regionale Radio- und Fernsehsender erhalten einen grösseren Anteil an den Mediengebühren. Das Parlament genehmigte einen Vorschlag, ihren Anteil von derzeit 4-6 Prozent auf 6-8 Prozent der Mediengebühreneinnahmen zu erhöhen. Diese Initiative belebt Elemente eines Medienpakets wieder, das 2022 in einer Volksabstimmung gescheitert war.
- Überwachung des assistierten Suizids: Der Nationalrat lehnte einen Antrag des Ständerats ab, statistische Daten zum assistierten Suizid zu erheben. Gegner argumentierten, dass die bestehende Datenerfassung zu ungewöhnlichen Todesfällen bereits ausreichende Informationen liefere und eine zusätzliche Überwachung keine neuen Erkenntnisse bringen würde.
- UKW-Rundfunk: Der Nationalrat unterstützt die Möglichkeit, dass Radiosender über 2026 hinaus weiterhin über UKW senden dürfen. Eine knappe Mehrheit der zuständigen Ständeratskommission stimmt ebenfalls zu und verweist auf Hörer-Verluste bei SRG-Programmen nach der UKW-Abschaltung und die Notwendigkeit von mehr Zeit für den Übergang zu DAB+.
- Budgetdebatte: Die Budgetdebatte wird voraussichtlich lebhaft sein. Erhöhte Steuereinnahmen aus Genf, die auf rund 290 Millionen Franken geschätzt werden, bieten mehr finanziellen Spielraum als ursprünglich erwartet. Einnahmen von 90 Milliarden Franken werden gegenüber Ausgaben von 90,8 Milliarden Franken prognostiziert.
Fiskalische Zuweisungen
Die Finanzkommission des Nationalrats schlägt vor, die zusätzlichen Mittel aus Genf der Arbeitslosenversicherung und der Armee zuzuweisen. Im Gegensatz dazu schlägt die Kommission des Ständerats mehr Geld für die Giftzentrale und die Landwirtschaft vor, während die Subventionen für Nachtzüge gekürzt werden sollen.
Zukünftige legislative Herausforderungen
Mehrere weitere wichtige Themen stehen auf der parlamentarischen Agenda und versprechen in den kommenden Wochen eine robuste Debatte.
Der Ständerat wird ein Entlastungspaket mit rund sechzig Massnahmen diskutieren. Dieses Paket zielt darauf ab, den Bundeshaushalt 2027 um 2,4 Milliarden Franken und 2028 und 2029 um rund 3 Milliarden Franken zu entlasten. Während konservative Parteien Handlungsbedarf sehen, bleiben die Massnahmen umstritten, da betroffene Gruppen sich gegen Beiträge zur finanziellen Entlastung des Bundes wehren. Ein öffentliches Referendum ist ebenfalls eine Möglichkeit, wobei links-grüne Parteien damit drohen, eines zu lancieren.
Verteidigungs- und Exportpolitik
Der Bundesrat will Schweizer Rüstungsunternehmen mehr Flexibilität beim Export von Verteidigungsgütern einräumen. Der Ständerat hat dies genehmigt und will noch weiter gehen, indem er Exporte in NATO-Länder, die in Konflikte verwickelt sind, generell erlaubt und den Reexport von Kriegsmaterial in andere Staaten zulässt.
Die Nationalratskommission schlägt nun vor, dass 15 westliche Länder auch dann Lieferungen aus der Schweiz erhalten könnten, wenn sie in einen Krieg verwickelt sind, wobei auf Nicht-Reexport-Erklärungen weitgehend verzichtet wird. Lieferungen wären ausgeschlossen, wenn ein Land systematisch und schwerwiegend Menschenrechte verletzt. Links-grüne Parteien drohen mit einem Referendum gegen diese Pläne.
Dringlichkeit der Drohnenabwehr
Sicherheitspolitische Kommissionen beider Kammern fordern die rasche Beschaffung eines effektiven Drohnen- und Flugabwehrsystems und stellen fest, dass die Schweiz derzeit keine Drohnenangriffe abwehren kann, wie sie kürzlich in anderen europäischen Ländern zu beobachten waren.
Die Gesetzgeber befassen sich auch mit der Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz“. Die zuständige Kommission diskutierte Methoden zur Begrenzung der Einwanderung, einschliesslich einer Einwanderungsgebühr und einer verfassungsrechtlichen Schutzklausel. Die Mehrheit lehnte jedoch einen Gegenvorschlag ab, da sie befürchtete, dass dies bilaterale Abkommen gefährden und den Fachkräftemangel verschärfen könnte. Die Initiative wird voraussichtlich ohne parlamentarischen Gegenvorschlag zur Volksabstimmung kommen.
Weitere Themen sind die Regulierung von Pelzproduktimporten, die Einführung einer geringen Gebühr für nicht-notfallmässige Spitalbesuche, die Einschränkung lauter Feuerwerke und die Schaffung besserer Möglichkeiten für ein schuldenfreies Leben durch ein neues Insolvenzverfahren.




