Eine erhebliche Lohnlücke zwischen den Bundesangestellten der Schweiz und den Arbeitnehmern des Privatsektors weitet sich aus und löst eine nationale Debatte über öffentliche Ausgaben und Fairness aus. Daten zeigen, dass die Gehälter der Bundesverwaltung die der Privatwirtschaft konstant übertroffen haben, was zu Forderungen nach substanziellen Reformen des öffentlichen Vergütungssystems führt.
Ökonomen und Wirtschaftsführer stellen nun die Nachhaltigkeit dieses Trends in Frage, insbesondere da der Privatsektor wirtschaftliche Herausforderungen bewältigen muss. Die Diskussion dreht sich darum, ob die aktuelle Lohnstruktur für Beamte die Marktrealitäten und die Beiträge der Steuerzahler, die diese Gehälter finanzieren, genau widerspiegelt.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Gehälter der Bundesangestellten sind in den letzten Jahren Berichten zufolge jährlich um 1,5 % bis 4 % gestiegen und haben damit das Wachstum im Privatsektor übertroffen.
- Eine Analyse deutet darauf hin, dass Bundesangestellte in vergleichbaren Positionen im Durchschnitt 12 % mehr verdienen als ihre Kollegen im Privatsektor.
- Erstaunliche 96,7 % der Bundesangestellten erhalten Leistungsbewertungen von „Gut“ oder „Sehr gut“, die mit Gehaltserhöhungen verbunden sind.
- Reformvorschläge umfassen ein Moratorium für allgemeine Gehaltserhöhungen, bis das Lohngefälle geschlossen ist.
Die sich ausweitende Lohnungleichheit
Der Kern des Problems liegt in den unterschiedlichen Entwicklungen des Lohnwachstums. Während der Privatsektor mit erheblichen wirtschaftlichen Belastungen zu kämpfen hatte, darunter der starke Franken, eine globale Pandemie und Handelsstreitigkeiten, hat die Bundesverwaltung weiterhin konstante Gehaltserhöhungen gewährt.
Diese jährlichen Erhöhungen, die zwischen 1,5 und 4 Prozent liegen, werden durch Inflationsanpassungen ergänzt. Dies hat zu einem kumulativen Effekt geführt, bei dem die Gehälter im öffentlichen Sektor deutlich vorausgeeilt sind. Laut einer Schätzung des Luzerner Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik hat dies zu einem Lohnaufschlag von etwa 12 % für Bundesangestellte im Vergleich zu ähnlichen Positionen auf dem privaten Markt geführt.
Diese Ungleichheit gibt Anlass zur Sorge bei Steuerzahlervertretern und Wirtschaftsverbänden, die argumentieren, dass die öffentliche Lohnsumme stärker an die breitere Wirtschaft angepasst werden sollte, der sie dient. Die Stabilität und die Vorteile, die mit Regierungsjobs verbunden sind, sollten ihrer Meinung nach bei der Vergütung berücksichtigt und nicht durch überdurchschnittliche Gehälter ergänzt werden.
Ein System des stetigen Wachstums
Das Lohnsystem des Bundes ist auf strukturiertes, inkrementelles Wachstum ausgelegt. Gehaltsanpassungen sind an Leistungsbeurteilungen und Lebenshaltungskostensteigerungen gekoppelt. Dies steht im Gegensatz zum Privatsektor, wo die Vergütung oft direkter an die Unternehmensleistung, Marktbedingungen und Rentabilität gebunden ist, was zu einer größeren Variabilität bei den jährlichen Lohnanpassungen führt.
Leistungsbeurteilungen und automatische Erhöhungen
Ein wesentlicher Treiber des konstanten Gehaltswachstums in der Bundesverwaltung ist ihr Leistungsbeurteilungssystem. Offizielle Zahlen zeigen, dass 96,7 % aller Bundesangestellten eine Leistungsbewertung von „Gut“ oder „Sehr gut“ erreichen. Diese positiven Bewertungen sind direkt mit der Berechtigung für individuelle Gehaltserhöhungen verbunden.
Kritiker argumentieren, dass diese hohe Rate positiver Bewertungen darauf hindeutet, dass das System möglicherweise keine ausreichende Leistungsdifferenzierung bietet, was effektiv zu nahezu automatischen Gehaltserhöhungen für die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter führt. Diese Praxis wird als nicht im Einklang mit vielen privaten Unternehmen angesehen, wo leistungsbezogene Bezahlung oft selektiver verteilt wird.
Arbeitsplatzsicherheit und Vorteile
Neben dem direkten Gehalt bietet eine Anstellung beim Bund erhebliche Vorteile. Dazu gehören hohe Arbeitsplatzsicherheit, gut geregelte Arbeitszeiten mit Überstundenvergütung und großzügige Pensionspläne. Diese Vorteile, kombiniert mit höheren Gehältern, schaffen ein äußerst attraktives Gesamtpaket, das private Unternehmen oft nur schwer erreichen können.
Die Kombination aus garantierten Inflationsanpassungen und leistungsbezogenen Erhöhungen hat einen starken Mechanismus für Lohnwachstum geschaffen, der weitgehend von der wirtschaftlichen Volatilität abgeschirmt ist, die private Unternehmen und ihre Mitarbeiter erleben.
Forderungen nach einem Lohnmoratorium
Als Reaktion auf die wachsende Ungleichheit fordern prominente Wirtschaftsvertreter entschiedenere Massnahmen vom Bundesrat. Einer der stärksten Vorschläge ist ein temporärer Stopp oder ein Moratorium für allgemeine Gehaltserhöhungen für Bundesangestellte.
Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse, hat sich für eine solche Massnahme ausgesprochen.
„Es braucht ein Moratorium für die Bundeslohnerhöhungen, bis die Lohndifferenz zum Privatsektor null ist. Lohnerhöhungen sollten nur noch bei einer Beförderung oder einem Stellenwechsel erfolgen.“
Dieser Vorschlag legt nahe, dass sowohl individuelle Erhöhungen als auch Anpassungen an die Lebenshaltungskosten ausgesetzt werden sollten. Ziel wäre es, den Löhnen im Privatsektor im Laufe der Zeit die Möglichkeit zu geben, aufzuholen und den Lohnaufschlag von 12 % schrittweise abzubauen, ohne nominale Lohnkürzungen einzuführen, die weithin als unrealistisch gelten.
Der Bundesrat hat die Absicht bekundet, das Wachstum der Bundesgehälter zu verlangsamen, ist aber nicht so weit gegangen, einen Stopp vorzuschlagen. Aktuelle Pläne umfassen Berichten zufolge Anpassungen der Lohnskala, wie die Anhebung der Einstiegsgehälter, um wettbewerbsfähig zu bleiben – ein Schritt, der laut Kritikern dem Ziel widerspricht, das gesamte Lohnwachstum einzudämmen.
Die Debatte über die Attraktivität des öffentlichen Sektors
Befürworter des aktuellen Lohnsystems des Bundes argumentieren, dass wettbewerbsfähige Gehälter unerlässlich sind, um qualifizierte Talente für die komplexen Aufgaben der Regierung zu gewinnen und zu halten. Sie betonen, dass die Regierung mit dem Privatsektor um Fachkräfte konkurrieren muss, von Juristen und Ökonomen bis hin zu IT-Spezialisten und Ingenieuren.
Gegner entgegnen jedoch, dass der Fokus nicht ausschliesslich auf hohen Einstiegsgehältern liegen sollte. Sie schlagen vor, dass eine Karriere im öffentlichen Dienst für Personen mit etablierter Berufserfahrung oft attraktiver ist.
Alternative Karrierewege
Einige Experten schlagen vor, dass die Bundesregierung eine andere Karriereentwicklung für ihre Mitarbeiter fördern sollte. Anstatt Hochschulabsolventen einzustellen, könnte der Fokus auf die Rekrutierung von Personen verlagert werden, die bereits mehrere Jahre Erfahrung im Privatsektor gesammelt haben.
- Dieser Ansatz würde wertvolles Branchenwissen und praktische Erfahrung in die Verwaltung einbringen.
- Er würde die Notwendigkeit reduzieren, dass der öffentliche Sektor mit privaten Unternehmen um Nachwuchstalente konkurriert.
- Er würde sicherstellen, dass Beamte ein direktes Verständnis für das wirtschaftliche Umfeld haben, das sie regulieren und dem sie dienen.
Während die Debatte weitergeht, bleibt die grundlegende Frage: Wie soll eine moderne Regierung ihre Mitarbeiter so vergüten, dass es sowohl den Arbeitnehmern als auch den Steuerzahlern, die ihre Gehälter finanzieren, gerecht wird? Die Entscheidungen des Bundesrates in den kommenden Monaten werden weitreichende Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen und die Beziehung zwischen Staat und Privatwirtschaft haben.




