Die Schweizer Justizvollzugsanstalten sind erheblich überbelegt, wobei viele kantonale Gefängnisse weit über ihrer offiziellen Kapazität betrieben werden. Diese Situation setzt das Justizsystem im ganzen Land unter Druck und löst Diskussionen über Erweiterungsprojekte und alternative Strafen aus.
Wichtige Erkenntnisse
- Die landesweite Gefängnisbelegung erreichte im Dezember 2023 94%.
- Der Kanton Waadt meldete die höchsten Belegungsraten, mit Bois-Mermet bei 166% und La Croisée bei 143% Anfang 2024.
- Die Regionalgefängnisse des Kantons Bern sind zu 124% ausgelastet, während das Zürcher Gefängnis Kreis 4 bei 102% liegt.
- Mehrere Kantone, darunter Luzern, Zug, Schwyz und Thurgau, planen Erweiterungen oder neue Einrichtungen.
- Die Behörden prüfen Alternativen zur Inhaftierung, wie elektronische Überwachung und gemeinnützige Arbeit.
Steigende Belegungsraten in den Kantonen
Das Problem der Gefängnisüberbelegung ist nicht neu, doch aktuelle Zahlen verdeutlichen eine wachsende Besorgnis. Daten des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Justizvollzug und Bewährungshilfe (SKJV) zeigen, dass die Schweizer Gefängnisse im Dezember 2023 landesweit durchschnittlich zu 94% ausgelastet waren. Diese Zahl deutet laut der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) auf eine erhebliche Belastung des Systems hin.
Der Kanton Bern verzeichnete im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Belegungsrate von 107% in seinen Justizvollzugsanstalten. Die Regionalgefängnisse im Kanton Bern, darunter Biel, Burgdorf, Moutier und Thun, standen vor einer noch grösseren Herausforderung und erreichten 124% Kapazität.
Fakt: Waadt führt bei Überbelegung
Anfang 2024 verzeichnete das Waadtländer Gefängnis Bois-Mermet in Lausanne eine Belegung von 166%, und La Croisée in Orbe lag bei 143%. Dies sind einige der höchsten in der Schweiz gemeldeten Raten.
Überkapazität in urbanen Zentren
Auch Zürich kämpft mit hoher Belegung. Das Gefängnis Kreis 4 ist zu 102% ausgelastet, während die Einrichtung Pöschwies zu 95% ausgelastet ist. Das Genfer Gefängnis Champ-Dollon hat ein langjähriges Problem chronischer Überbelegung und liegt derzeit bei 122%.
Die Einrichtungen von Basel-Landschaft sind zu 95% für die Untersuchungshaft und zu 107% für den Strafvollzug ausgelastet. Basel-Stadt hingegen meldet, dass seine Gefängnisse gut ausgelastet, aber nicht überbelegt sind. Das Untersuchungsgefängnis Waaghof liegt bei 73%, unter seinem Durchschnitt von 83% im Jahr 2023. Die Einrichtung Bässlergut liegt bei 94%, was dem Durchschnitt von 90% im Jahr 2023 entspricht.
Geplante Erweiterungen und Modernisierungen
Als Reaktion auf den wachsenden Bedarf an Gefängnisplätzen treiben mehrere Kantone Erweiterungs- und Modernisierungsprojekte voran. Diese Initiativen zielen darauf ab, die Kapazität zu erhöhen und die Bedingungen im Justizvollzugssystem zu verbessern.
Kontext: Langfristige Herausforderung
Die steigenden Belegungsraten sind keine plötzliche Entwicklung. Das SKJV stellt fest, dass die Gefängnispopulationen seit mehreren Jahren zunehmen. Die Behörden betonen, dass dieser Druck kein allgemeines Systemversagen bedeutet, sondern vielmehr die Notwendigkeit fortlaufender Anpassungen und Gegenmassnahmen.
Pläne der Zentralschweiz
Das Luzerner Justiz- und Sicherheitsdepartement anerkennt die angespannte Situation. Die Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens war 2023 zu 98,4% ausgelastet. Um dem entgegenzuwirken, plant Luzern, die Einrichtung Wauwilermoos bis 2034 zu renovieren und zu erweitern.
- Die Justizvollzugsanstalt Bostadel in Menzingen, Zug, wird ihre Kapazität zwischen 2027 und 2029 erhöhen.
- Schwyz plant ebenfalls, sein kantonales Gefängnis in Biberbrugg zu erweitern.
Diese Projekte sind entscheidend für die Bewältigung der aktuellen und prognostizierten Insassenpopulationen. Sie stellen erhebliche Investitionen in die Justizinfrastruktur des Landes dar.
Herausforderungen in der Ost- und Westschweiz
Auch die östlichen und westlichen Regionen der Schweiz melden hohe Gefängnisbelegungen. Der geschlossene Bereich der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez in Graubünden ist derzeit zu 95,3% ausgelastet.
Das kantonale Gefängnis Frauenfeld im Thurgau war Ende 2023 zu 104% ausgelastet. In St. Gallen erreichte das Regionalgefängnis Altstätten 114%, und das Gefängnis Gmünden in Teufen, Appenzell Ausserrhoden, war zu 100% ausgelastet. Alle drei Kantone haben Erweiterungspläne angekündigt.
„Der Druck auf das System ist real. Wir sehen einen stetigen Anstieg der Nachfrage nach Gefängnisplätzen, was sowohl sofortiges Handeln als auch langfristige strategische Planung erfordert.“
Die Justizvollzugsanstalt Bellevue in Gorgier, Neuenburg, arbeitet mit einer durchschnittlichen Kapazität von 95-100%. Das Untersuchungsgefängnis La Promenade in La Chaux-de-Fonds liegt zwischen 85% und 95%.
Jura und Wallis ebenfalls betroffen
Der Kanton Jura meldet ähnliche Zahlen, mit dem Gefängnis Delémont bei 93% und dem Gefängnis Porrentruy bei 89%. Das Gefängnis Porrentruy, das von der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter wegen unhaltbarer Zustände kritisiert wurde, soll in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 geschlossen werden. Das renovierte Gefängnis Moutier wird nach der Wiedereröffnung zusätzliche Plätze bieten.
Die Walliser Behörden geben an, dass derzeit nur das Untersuchungsgefängnis Sitten überbelegt ist. Der Kanton beabsichtigt, ein neues geschlossenes Erziehungszentrum in Pramont und eine Einrichtung für therapeutische Massnahmen zu bauen.
Erforschung von Alternativen zur Inhaftierung
Neben dem Bau neuer Einrichtungen prüfen die Behörden auch alternative Massnahmen zur Reduzierung der Gefängnispopulationen. Diese Alternativen können dazu beitragen, die Fallzahlen zu bewältigen und den Straftätern mehr rehabilitative Optionen zu bieten.
Waadt konzentriert sich auf den langfristigen Bau eines neuen Gefängnisses in Orbe. Der Kanton prüft jedoch auch Optionen wie elektronische Fussfesseln und gemeinnützige Arbeit als Alternativen zur traditionellen Inhaftierung. Diese Methoden können die Belastung der Justizvollzugsanstalten reduzieren und gleichzeitig die Rechenschaftspflicht gewährleisten.
Genf sucht aktiv nach Land für den Bau eines neuen Gefängnisses. Diese Initiative spiegelt eine direkte Reaktion auf die anhaltende Überbelegung in Champ-Dollon wider.
Freiburg plant ebenfalls die Erweiterung seiner Justizvollzugsanstalt Bellechasse, die teilweise zu 100% ausgelastet war. Anfang Februar protestierten 32 Insassen in Bellechasse fast drei Stunden lang gegen ihre Haftbedingungen und unterstrichen damit den dringenden Verbesserungsbedarf.
Im Tessin weisen die Justizvollzugsanstalten laut SKJV eine durchschnittliche Belegungsrate von 95% auf. Dies deutet auf eine konstante, hohe Auslastung im gesamten Kanton hin.
Der vielschichtige Ansatz, der neue Infrastruktur mit alternativen Strafen kombiniert, zielt darauf ab, ein nachhaltigeres und humaneres Justizsystem für die Schweiz zu schaffen.




