Die Berner Stimmbevölkerung entscheidet am 30. November darüber, ob das Gaswerk-Areal, eine grosse Industriebrache, in ein neues Stadtquartier umgewandelt werden soll. Die geplante Entwicklung umfasst rund 500 bezahlbare Wohnungen, Grünflächen und Gewerbegebiete und stellt einen wichtigen Schritt für die Wohnstrategie der Stadt dar.
Wichtige Erkenntnisse
- Das Berner Gaswerk-Areal soll zu einem neuen Quartier mit 500 Wohnungen entwickelt werden.
- Mindestens 50% der neuen Wohnungen werden von Genossenschaften gebaut, weitere 25% sind von der Stadt als bezahlbar eingestuft.
- Der Plan umfasst grosszügige Grünflächen, lokale Gewerbegebiete und den Erhalt des Jugendzentrums Gaskessel.
- Die Stimmberechtigten entscheiden über Zonenplanänderungen, die Baurechtsvergabe an Entwickler und einen Infrastrukturkredit von 25 Millionen Schweizer Franken.
- Eine kleine Siedlung, 'Anstadt', besetzt derzeit einen Teil des Areals und lehnt die Entwicklung ab.
Zukunft des Gaswerk-Areals auf dem Spiel
Das Gaswerk-Areal, derzeit ein weitläufiges Industriegebiet nahe der Aare, präsentiert einen auffälligen Kontrast aus ungenutzten Parkplätzen, verfallenen Gebäuden und Grünflächen. Das Jugendzentrum Gaskessel, eine bekannte lokale Institution, befindet sich ebenfalls in dieser vielfältigen Landschaft. Seit Jahren wird dieses Gebiet als ungenutztes Potenzial betrachtet.
Der Plan der Stadt zielt darauf ab, diese erstklassige Lage am Fluss zu revitalisieren. Er strebt die Schaffung eines lebendigen, gemischt genutzten Quartiers an, das den wachsenden Wohnbedürfnissen Berns gerecht wird und gleichzeitig Gemeinschaftselemente bewahrt.
Entwicklung auf einen Blick
- Neue Wohnungen: Rund 500 Wohneinheiten.
- Bezahlbarer Wohnraum: 50% für Genossenschaften, 25% für städtisch geförderte, bezahlbare Wohnungen.
- Grünflächen: Bedeutende Teile für Parks und öffentliche Bereiche vorgesehen.
- Gewerbliche Nutzung: Flächen für lokale Unternehmen.
- Kulturerhalt: Jugendzentrum Gaskessel bleibt bestehen.
Bezahlbarer Wohnraum im Mittelpunkt des Vorschlags
Ein zentraler Aspekt des Gaswerk-Projekts ist der Fokus auf bezahlbaren Wohnraum. Die Stadt schreibt vor, dass mindestens die Hälfte der neuen Wohnungen von Wohnbaugenossenschaften gebaut werden müssen. Ein weiteres Viertel der Einheiten ist für städtisch verwaltete Programme für bezahlbaren Wohnraum reserviert. Dieser Ansatz zielt darauf ab, eine vielfältige und nicht nur exklusive Gemeinschaft zu schaffen.
Laut Berns Finanzdirektorin Melanie Mettler sind in den letzten zehn Jahren rund 1500 neue Wohnungen in der Stadt entstanden. Der Anteil gemeinnütziger Wohnungen in Bern liegt jedoch bei etwa 9%, deutlich niedriger als die 27% in Zürich. „In diesem Segment spielt der Markt keine wirkliche Rolle, weshalb wir auf Genossenschaften und bezahlbaren Wohnraum auf unserem eigenen Land setzen“, so Mettler.
Politische Unterstützung und Opposition
Das Stadtparlament hat das neue Quartier weitgehend unterstützt und sieht es als wichtige Lösung für die Wohnungsnot. Dominik Fitze, Fraktionschef der SP, betonte die Schaffung von Wohnraum für rund 1000 Menschen. „Das hilft gegen die Wohnungsnot“, sagte Fitze. „Uns ist wichtig, dass ein gut durchmischtes Quartier entsteht, nicht nur Wohnungen für Gutverdienende.“
„Uns ist wichtig, dass ein gut durchmischtes Quartier entsteht – nicht nur Wohnungen für Gutverdienende.“
Dominik Fitze, SP-Fraktionschef
Auch die FDP unterstützt das Projekt, wenn auch mit einigen Vorbehalten. Sie kritisiert den hohen Anteil an bezahlbarem Wohnraum und argumentiert, dass dies bestimmte Gesellschaftsschichten ausschliessen könnte.
Die SVP ist die einzige Partei, die die Entwicklung in ihrer jetzigen Form entschieden ablehnt. SVP-Stadtrat Alexander Feuz argumentierte, dass das Gebiet mit seiner Nähe zu Aare und Marzili-Erholungsgebieten ideal für „hochwertigeren Wohnraum“ sei. Er schlug vor, dass der aktuelle Plan „die beste Lage für Sozialwohnungen oder Genossenschaften verschwendet.“
Das Projekt Monbijou-Brückenkopf
Neben der Gaswerk-Abstimmung entscheiden die Bernerinnen und Berner auch über die Aufwertung des „Brückenkopf West“. Dieses Gebiet verbindet das Monbijou-Quartier mit dem Gaswerk-Areal. Der neue Zonenplan für dieses Gebiet würde den Bau eines bis zu 50 Meter hohen Hochhauses ermöglichen.
Die Zukunft der Anstadt-Gemeinschaft
Eine kleine, selbstverwaltete Siedlung namens 'Anstadt' besetzt seit mehreren Jahren einen westlichen Teil des Gaswerk-Areals. Rund 50 Menschen leben in diesem Hüttendorf, das die Stadt bis zum Baubeginn des neuen Quartiers toleriert hat.
Das Anstadt-Kollektiv setzt sich aktiv gegen die Pläne der Stadt ein. Sie argumentieren, dass ihre Siedlung nur einen kleinen Bruchteil des Gaswerk-Areals einnimmt. Tim vom Anstadt-Kollektiv schlug vor, dass „der grösste Teil der leeren Fläche bebaut werden könnte, ohne Freiräume zu verdrängen.“ Die Gemeinschaft nutzt Plakate und soziale Medien, um für ihr Fortbestehen zu werben.
Die bevorstehende Abstimmung
Am 30. November stimmen die Bürgerinnen und Bürger über zwei Hauptvorlagen zum Gaswerk-Areal ab. Die erste ist die Zonenplanänderung mit Planungspflicht, die den Gesamtrahmen für die zukünftige Nutzung festlegt. Die zweite Vorlage betrifft die Frage, ob der Stadtrat die Baugrundstücke im Baurecht verpachten und einen Kredit von 25 Millionen Schweizer Franken für die notwendige Infrastruktur genehmigen kann.
Diese Entscheidung wird einen bedeutenden Teil der Berner Stadtlandschaft für Jahrzehnte prägen. Sie wird die Verfügbarkeit von Wohnraum, städtische Grünflächen und den Ansatz der Stadt zur Gemeindeentwicklung beeinflussen.
Weitere Abstimmungen
Die Berner Stimmberechtigten entscheiden am 30. November auch über weitere Themen:
- Eine Erhöhung der Finanzkompetenzen, wodurch eine Volksabstimmung erst ab Kosten von über 12 Millionen Schweizer Franken obligatorisch wird.
- Das Budget 2026.
- Der Überbauungsplan Weyermannshaus West.
- Die Verlängerung des Mietvertrags für die Velostation Welle 7.



