Das Anstadt-Dorf, eine einzigartige Gemeinschaft von rund 50 Bewohnern, die in umgebauten Bauwagen und selbstgebauten Strukturen auf Berns Gaswerk-Areal leben, steht vor einer ungewissen Zukunft. Nach sieben Jahren der Etablierung eines lebendigen, alternativen Wohnraums bedrohen städtische Pläne für eine umfassende Wohnbebauung dessen Fortbestand. Eine Volksabstimmung am 30. November wird über den Zonenplan für das Gebiet entscheiden, ein entscheidender Schritt, der den Weg für Hunderte neuer Wohnungen ebnen könnte.
Wichtige Erkenntnisse
- Das Anstadt-Dorf, Heimat von etwa 50 Menschen, befindet sich auf Berns Gaswerk-Areal.
- Die Bewohner leben in umgebauten Bauwagen und selbstgebauten Strukturen und legen Wert auf gemeinschaftliches Wohnen.
- Die Stadt Bern plant, das Gaswerk-Areal zu einem neuen Wohngebiet mit Hunderten von Wohnungen zu entwickeln.
- Eine Volksabstimmung am 30. November wird über den zukünftigen Zonenplan für das Gelände entscheiden.
- Die Anstadt-Bewohner kämpfen für den Erhalt ihres alternativen Wohnmodells.
Das Leben in Berns einzigartigem Anstadt-Dorf
Beim Betreten von Anstadt begegnet man einer Szene ständiger Aktivität. Holz liegt gestapelt, ein halbfertiges Boot steht prominent da, und die Bewohner sind ständig dabei, ihre Häuser zu bauen oder zu modifizieren. Julia, eine medizinische Praxisassistentin und Anstadt-Bewohnerin, lebt in einem umgebauten Bauwagen, der gleichzeitig als ihr Schlafzimmer dient. Sein Inneres, in Weiss und Rosa mit Blumengirlanden dekoriert, widerlegt gängige Missverständnisse über die Gemeinschaft.
„Manchmal denken die Leute, wir wären unordentlich und würden nicht duschen“, lacht Julia. Sie teilt sich eine Küche und ein Wohnzimmer mit vier anderen Personen. Ihre Gemeinschaft ist derzeit damit beschäftigt, eine Heizung und eine Dusche in ihrem Gemeinschaftsraum zu installieren. Diese Arbeiten sind notwendig, da sie ein Baby in der Wohngemeinschaft erwarten.
Anstadt auf einen Blick
- Bevölkerung: Rund 50 Bewohner
- Lage: Gaswerk-Areal, Bern, direkt an der Aare
- Wohnformen: Umgebaute Bauwagen und selbstgebaute Strukturen
- Besiedlung: Vor 7 Jahren auf zuvor ungenutztem Land etabliert
- Ausstattung: Gemeinschaftsduschen, Toiletten, ein Kino, eine Bar, Spielplatz, Pizzaofen
Gemeinschaftliches Leben und tägliche Herausforderungen
Die meisten Anstadt-Bewohner legen etwa 100 Meter zurück, um zu den Gemeinschaftsduschen und -toiletten zu gelangen. Julia beschreibt die praktischen Aspekte von Winternächten: „Nachts zieht man manchmal einen Schuh aus, wenn es matschig ist.“ Trotz dieser Herausforderungen schätzt sie den Gemeinschaftsgeist.
„Es ist schön, mit vielen verschiedenen Menschen zusammen zu sein“, sagt Julia. „Nicht nur hinter einer geschlossenen Tür in einer Wohnung zu leben.“ Sie verbringt oft Zeit im Freien und findet dies wohltuend für ihr Wohlbefinden. „Wenn ich wütend bin, gehe ich eine Stunde Holz hacken“, grinst die 28-Jährige und hebt die therapeutischen Aspekte ihres Lebensstils hervor.
Eine kurze Geschichte von Anstadt
Anstadt begann als Besetzung auf einer ungenutzten Wiese. Tim, ein 32-jähriger Metallbauer und Student, gehörte zu den ersten Bewohnern. „Das war vorher eine ungenutzte Wiese, also haben wir diesen Ort eingenommen“, erklärt Tim. Nach der anfänglichen Besetzung führten Verhandlungen mit der Stadt Bern, der das Land gehört, zu einer Nutzungsvereinbarung. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Ansammlung von Bauwagen zu dem etablierten Dorf, das es heute ist und etwa 50 Personen beherbergt.
Die drohende Gefahr der Stadtentwicklung
Die Zukunft von Anstadt ist nun ungewiss. Die Stadt Bern plant, das Gaswerk-Areal, eine erstklassige Lage direkt an der Aare, neu zu entwickeln. Der Vorschlag umfasst den Bau mehrerer Hundert neuer Wohnungen. Der nächste entscheidende Schritt für diesen Plan ist eine Volksabstimmung am 30. November. Die Bürger werden über den Zonenplan für das Gaswerk-Areal abstimmen, der eine Planungspflicht beinhaltet.
Diese Situation stellt einen Konflikt zwischen zwei fortschrittlichen Idealen dar: die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum für viele versus die Erhaltung eines alternativen, gemeinschaftlichen Lebensraums für wenige. Tim betont, dass „Anstadt mehr ist als ein Wohnort“. Es bietet mietbare Räume, beherbergt Theaterproben in seiner grossen Halle und verfügt über ein Kino und eine Bar, wodurch es zu einem kulturellen Zentrum wird.
„Grundsätzlich ist es besser, wenn jemand da ist, als wenn eine Brache leer steht.“
Haltung der Stadt und rechtliche Auseinandersetzungen
Melanie Mettler, Berner Finanzdirektorin, anerkennt die Politik der Stadt, temporäre Besetzungen zu tolerieren. „Grundsätzlich ist es besser, wenn jemand da ist, als wenn eine Brache leer steht“, so Mettler. Sie erwartet jedoch auch von den Anstadt-Bewohnern, demokratische Entscheidungen zu akzeptieren. „Wir entscheiden als Gemeinschaft, wie wir den Raum entwickeln und gestalten – diese Regeln gelten dann für alle.“
Der Verein Anstadt ist derzeit in rechtliche und politische Auseinandersetzungen gegen die Baupläne der Stadt verwickelt. Mettler bestätigt, dass dies ihr Recht als Bürger ist. Sie erwartet jedoch, dass sie die Entscheidungen der Öffentlichkeit respektieren.
Berns weitere Wagenplätze
Bern beherbergt bereits fünf weitere Wagenplätze oder Hüttendörfer auf städtischem Grund. Vor etwa zehn Jahren versuchte die Stadt, eine ausgewiesene Zone für Wohnexperimente in Riedbach, westlich der Stadt, zu schaffen. Dieser Plan stiess jedoch auf rechtliche Hindernisse und bleibt blockiert.
Suche nach Koexistenz und Zukunftsmöglichkeiten
Die Anstadt-Gemeinschaft bietet auch temporären Unterschlupf. „Jedes Jahr kommt eine Zirkustruppe mit Wagen vorbei. Und manchmal klopft jemand an die Tür und sucht einen Schlafplatz oder eine Dusche“, erzählt Tim. Diese offene Tür-Politik unterstreicht ihre Rolle als soziales Unterstützungsnetzwerk.
Ein Vorschlag im Berner Stadtparlament untersucht die Idee einer Koexistenz zwischen dem Hüttendorf und der neuen Bebauung. Tim deutet an, dass die Anstadt-Bewohner einer solchen Lösung wahrscheinlich offen gegenüberstünden. „Alternative, solidarische und kollektive Wohnformen sollten in Berns Stadtkonzept aufgenommen werden“, argumentiert er.
Tim äussert die Sorge, dass einzigartige Orte wie Anstadt immer wieder ausgelöscht werden. „Dann braucht es extrem viel Energie, diese Strukturen und Infrastrukturen wieder aufzubauen“, bemerkt er. Trotz der Baupläne der Stadt bleibt die Anstadt-Gemeinschaft entschlossen. Ein grosses Banner verkündet stolz: „Anstadt bleibt!“ Während der genaue Zeitplan für den Bau unklar bleibt, rechnen die Bewohner mit mindestens ein paar weiteren Jahren für ihr Wohnexperiment.




