Die Strassen Berns waren 2025 eine ständige Bühne für den öffentlichen Ausdruck: Die Gewerbepolizei der Stadt verzeichnete insgesamt 339 Demonstrationen. Diese Zahl, die durchschnittlich fast einen Protest pro Tag bedeutet, bestätigt einen anhaltenden Trend erhöhter ziviler Aktivität, der in den letzten Jahren zu einem prägenden Merkmal der Bundesstadt geworden ist.
Während die Gesamtzahl der Demonstrationen im Vergleich zu den Vorjahren konstant blieb, war das Jahr 2025 von mehreren Grossveranstaltungen und einem bemerkenswerten Anstieg gewalttätiger Auseinandersetzungen geprägt. Die Daten spiegeln eine Stadt wider, die die Komplexität der freien Meinungsäusserung vor dem Hintergrund steigender Spannungen bewältigen muss.
Wichtige Erkenntnisse
- Bern verzeichnete 2025 339 offizielle Demonstrationen, eine Zahl, die mit den hohen Werten seit 2019 übereinstimmt.
- Zu den Grossereignissen gehörten der Frauenstreik im Juni und eine grosse pro-palästinensische Demonstration, die jeweils über 10.000 Teilnehmer anzogen.
- Das Jahr war durch eine Zunahme gewalttätiger Zwischenfälle gekennzeichnet, insbesondere bei pro-palästinensischen Kundgebungen im Mai und Oktober.
- Trotz der jüngsten Ereignisse stellt die Kantonspolizei fest, dass langfristige Trends einen allgemeinen Rückgang der protestbezogenen Gewalt über die Jahre zeigen.
Eine anhaltende Ära öffentlicher Demonstrationen
Die Endbilanz von 339 Protesten im Jahr 2025 liegt nur geringfügig unter den 341 im Jahr 2024 verzeichneten, was ein stabiles, aber intensives Niveau öffentlicher Versammlungen anzeigt. Laut Norbert Esseiva, Leiter der Stadt- und Gewerbepolizei, ist diese hohe Frequenz ein relativ neues Phänomen für Bern.
Ein Blick auf historische Daten zeigt eine signifikante Verschiebung. Im Jahr 2015 verzeichnete die Stadt nur 235 Demonstrationen. Die Zahl stieg bis 2019 stark auf 360 an und ist seitdem nicht mehr unter 300 gefallen, selbst während der Pandemiejahre, in denen es zu vorübergehenden Einschränkungen öffentlicher Versammlungen kam.
Das Spitzenjahr für Demonstrationen in Bern bleibt 2022, als die Behörden beispiellose 394 separate Veranstaltungen registrierten.
Die Statistiken der Stadt sind umfassend und umfassen nicht nur vorab genehmigte Märsche, sondern auch spontane Versammlungen, kleine Mahnwachen und nicht genehmigte Demonstrationen, die der Polizeiinspektion zur Kenntnis gelangen. Obwohl die Stadt keine detaillierte Aufschlüsselung liefert, bietet dieser umfassende Ansatz einen ganzheitlichen Überblick über Berns Rolle als nationales Zentrum für politischen und sozialen Ausdruck.
Grosse Mobilisierungen prägen das Jahr
Mehrere Grossveranstaltungen prägten die Protestlandschaft des Jahres 2025 und zogen erhebliche Menschenmengen und Medienaufmerksamkeit auf sich. Diese Versammlungen beleuchteten einige der drängendsten sozialen und geopolitischen Themen der Zeit.
Der Frauenstreik setzt seinen Schwung fort
Der jährliche Frauenstreik am 14. Juni war erneut eine der grössten Mobilisierungen des Jahres. Die Organisatoren berichteten, dass 35.000 Menschen auf die Strasse gingen, um sich für Geschlechtergleichheit einzusetzen und gegen geschlechtsspezifische Gewalt zu protestieren. Offizielle Schätzungen bezifferten die Teilnehmerzahl auf über 10.000, was seinen Status als Grossereignis im städtischen Kalender bestätigt.
Internationale Konflikte hallen in Berns Strassen wider
Geopolitische Spannungen waren das ganze Jahr über ein wiederkehrendes Thema. Eine nationale pro-palästinensische Demonstration Ende Juni zog mindestens 10.000 Menschen an, die ihre Solidarität mit Gaza zum Ausdruck brachten. Dieses Anliegen blieb über die Monate hinweg ein konstanter Motor für zahlreiche kleinere Proteste und Mahnwachen.
Weitere bedeutende, wenn auch friedlichere Proteste waren eine Demonstration zum Internationalen Frauentag und eine Kundgebung gegen die Bebauungspläne für das Gaswerkareal, ein lokales Kultur- und Industriegebiet.
Als Bundeshauptstadt ist Bern ein natürlicher Anziehungspunkt für nationale Demonstrationen. Seine zentrale Lage und sein Status als Regierungssitz machen es zu einem zugänglichen und symbolischen Ort für Gruppen, die ihre Stimme auf nationaler Ebene Gehör verschaffen möchten.
Ein Jahr geprägt von zunehmender Gewalt
Während die Mehrheit der Demonstrationen im Jahr 2025 ohne Zwischenfälle verlief, war das Jahr durch mehrere aufsehenerregende Zusammenstösse gekennzeichnet, die öffentliche und offizielle Besorgnis auslösten. Die erhöhte Bereitschaft zur Konfrontation war eine bemerkenswerte Abkehr von der relativen Ruhe der letzten Jahre.
Die bedeutendsten Zwischenfälle waren mit pro-palästinensischen Demonstrationen verbunden. Im Mai kam es bei einer Kundgebung zu ersten Gewaltausbrüchen zwischen Demonstranten und der Polizei. Darauf folgte Mitte Oktober eine schwerere Eskalation, als eine Demonstration in erhebliche Unruhen mündete und eine grossangelegte Polizeireaktion auslöste.
In ihrem Bericht über die Demonstration vom 11. Oktober anerkannte die Kantonspolizei Bern die jüngsten Vorfälle, bot aber eine breitere Perspektive. Der Bericht stellte fest, dass sich gewalttätige Exzesse im Zusammenhang mit Demonstrationen über einen längeren Zeitraum hinweg tendenziell verringert haben.
Die Behörden haben angedeutet, dass es noch zu früh ist, um zu beurteilen, ob die Ereignisse von 2025 eine Umkehrung dieses langfristigen Trends darstellen oder eine isolierte Reihe von Vorfällen sind. Eine abschliessende Bewertung, so heisst es, werde erst nach Beobachtung der Muster in den kommenden Jahren möglich sein.
Die Herausforderung, Rechte und Sicherheit in Einklang zu bringen
Die anhaltend hohe Zahl von Protesten stellt die Stadt Bern vor eine ständige logistische und sicherheitstechnische Herausforderung. Jede Veranstaltung erfordert ein sorgfältiges Management, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, Störungen für Anwohner und Unternehmen zu minimieren und das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit zu wahren.
Die Ereignisse von 2025 haben die Debatte über das Protestmanagement intensiviert. Polizeitaktiken, wie das schnelle Einkesseln von Anti-WEF-Demonstranten in der Nähe des Hauptbahnhofs, werden oft kritisch hinterfragt. Die Behörden müssen ihre Strategien ständig anpassen, um ein breites Spektrum von Ereignissen zu bewältigen, von friedlichen Mahnwachen bis hin zu potenziell volatilen Märschen.
Die Statistiken von 2025 zeichnen ein klares Bild: Öffentliche Demonstrationen sind in Bern mittlerweile eine fast tägliche Realität. Für Anwohner, Polizei und Stadtverwaltung ist die Bewältigung dieses dynamischen Umfelds zu einem integralen Bestandteil des Lebens in der Schweizer Hauptstadt geworden, eine Herausforderung, die keine Anzeichen einer Abnahme zeigt.




