Mona Moazami, eine im Exil in der Schweiz lebende Iranerin, hat ihre anhaltende Not und Angst um ihre Familie im Iran geteilt. Ihre Verwandten verstecken sich nach brutalen Razzien der Sicherheitskräfte während der jüngsten Proteste. Moazamis Bericht beleuchtet die schweren menschlichen Kosten der Unruhen und die psychische Belastung für diejenigen, deren Angehörige noch im Land sind.
Wichtigste Erkenntnisse
- Mona Moazamis Familie versteckt sich im ländlichen Iran, nachdem Sicherheitskräfte ihr Haus durchsucht haben.
- Internetbeschränkungen machten die Kommunikation zwei Wochen lang unmöglich, was zu intensiver psychischer Belastung führte.
- Moazami berichtet, dass viele enge Kontakte getötet wurden, wobei die inoffiziellen Todeszahlen die offiziellen Zahlen weit übertreffen.
- Sie glaubt, dass eine externe Intervention notwendig ist, damit das Regime fällt, trotz des Horrors, Krieg vorzuschlagen.
- Die Schweiz hat die Abschiebungen abgelehnter iranischer Asylsuchender ausgesetzt, aber Moazamis eigenes Asyl wurde bereits vor Jahren gewährt.
Die Angst einer Mutter aus der Ferne
Mona Moazami, 37, lebt in Ostermundigen, Schweiz. Sie floh vor sechs Jahren mit ihrer Familie aus Teheran. Trotz ihrer Sicherheit in der Schweiz sind ihre Gedanken bei ihren Eltern und anderen Verwandten im Iran. Die jüngsten Proteste und die gewaltsame Reaktion des Regimes haben sie tief beunruhigt.
Moazami beschrieb ihre Gefühle als „verletzt“ und „gebrochen“. Sie konnte erst kürzlich nach einer zweiwöchigen Kommunikationssperre wieder Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen. Diese Zeit der Stille war quälend, geprägt von ständiger Sorge um ihre Sicherheit.
Fakt: Iranische Diaspora in der Schweiz
Etwa 7.500 Personen mit iranischem Pass leben in der Schweiz, viele von ihnen verfolgen die Ereignisse in ihrem Heimatland genau.
„Jeder Tag begann mit der Frage: Wer hat die Nacht überlebt?“, sagte Moazami. „Aber es gab keine Antwort. Man konnte niemanden erreichen, den man liebte. Keine Nachricht, kein Anruf, nichts. Man überprüfte jede Minute sein Telefon auf ein Lebenszeichen. Stattdessen herrschte Stille. Es ist psychologische Folter.“
Die Brutalität des Vorgehens
Die Proteste, die iranische Städte erfassten, wurden mit extremer Gewalt beantwortet. Moazami erzählte Details von ihrer Tante über Revolutionsgarden und bewaffnete Milizen, die in ihren Wohngebieten brutal vorgingen. Ihre Eltern versteckten zusammen mit vielen Nachbarn Protestierende.
Sicherheitskräfte durchsuchten daraufhin unzählige Wohnungen, darunter auch das Haus ihrer Eltern. Aus Angst um ihr Leben flohen ihre Eltern in ein kleines Haus im ländlichen Norden des Landes. Ihr aktueller Aufenthaltsort ist den Behörden unbekannt.
Hintergrund: Mahsa-Amini-Proteste
Im Herbst 2022 kam es nach dem Tod von Mahsa Amini ebenfalls zu weit verbreiteten Protesten. Damals rief Mona Moazami vor der iranischen Botschaft in Bern „Frau, Leben, Freiheit“ und setzte sich für Veränderungen in ihrer Heimat ein.
Der Internetzugang im Iran war stark eingeschränkt, was die Kommunikation erschwerte. Während einige Dienste wie WhatsApp und Instagram jetzt über VPNs zugänglich sind, bleibt die Verbindung langsam und begrenzt. Diese digitale Isolation verstärkte die Angst der Iraner im Ausland.
Verheerende menschliche Kosten
Moazami bestätigte, dass die Situation vor Ort weitaus brutaler war, als erste Berichte vermuten liessen. Ihre Schwester informierte sie, dass zwei enge Freunde und ein Cousin getötet wurden. Die offizielle Zahl der iranischen Regierung für protestbedingte Todesfälle liegt bei 3.117. Verschiedene NGOs und Medien, die sich auf medizinisches Personal und Friedhofsmitarbeiter berufen, meldeten jedoch letzte Woche über 30.000 Todesfälle.
„Ich habe jetzt mit vielen Menschen im Iran gesprochen“, erklärte Moazami. „Jeder hat jemanden verloren. Sie sagen, 35.000 sind gefallen. Es sind wahrscheinlich viel mehr.“
Sie fügte hinzu, dass vielen Familien die Leichen ihrer Angehörigen verweigert werden. Das Regime halte die Verstorbenen angeblich zurück, um externe Kräfte wie die Vereinigten Staaten zu beschuldigen, falls ein Angriff stattfindet.
Der Ruf nach externer Hilfe
Trotz der immensen Verluste besteht Moazami darauf, dass der Geist des Protests stark bleibt. „Ja, alle sind bereit, wieder zu protestieren“, sagte sie. Sie glaubt jedoch, dass die Menschen jetzt erkennen, dass das derzeitige Regime ohne externe Intervention nicht fallen wird.
Auf die Frage, welche Form diese Intervention annehmen könnte, äusserte Moazami eine schmerzliche Wahrheit. „Krieg“, sagte sie nach einer langen Pause. „Es ist schrecklich, es zu sagen, aber das ist unsere letzte Chance. Die Menschen haben nichts mehr zu verlieren.“
Die diplomatische Haltung der Schweiz
Die Schweiz pflegt ein heikles Gleichgewicht in ihren Beziehungen zum Iran. Seit der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran im Jahr 1979 vertritt die Schweiz die Interessen Washingtons im Iran. Sie erleichtert auch den Kontakt zwischen Kanada und dem Iran.
Als Reaktion auf die jüngsten Ereignisse hat das Schweizer Staatssekretariat für Migration die Abschiebungen abgelehnter iranischer Asylsuchender vorübergehend eingestellt. Diese administrative Entscheidung betrifft Moazami nicht, deren Asylantrag bereits vor Jahren genehmigt wurde.
Das Leben im Exil: Ein ständiger Kampf
Moazami und ihr Mann gaben ein stabiles Leben im Iran auf, einschliesslich guter Arbeitsplätze, Ersparnisse und eines Autos. Ihr Mann, ein Fernsehproduzent, wurde von den Revolutionsgarden mit Gefängnis bedroht, weil er sich weigerte, Anweisungen zu befolgen. Ihre Flucht war die einzige Option, die sie zwang, bei Null anzufangen.
Moazami macht derzeit eine Ausbildung zur Kinderbetreuerin, ebenso wie ihr Mann. Ihr Sohn wurde vor zwei Jahren in der Schweiz geboren, und ihre Tochter besucht die dritte Klasse. Obwohl sie in Sicherheit leben, ist die emotionale Belastung gross.
„Mein Körper ist hier, aber mein Kopf nicht“, gab sie zu. „Bei der Arbeit kann ich mich kaum konzentrieren. Normalerweise bereite ich mich sehr sorgfältig auf die Schule vor, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Grammatik, Genitiv, Dativ – aber jetzt ist alles durcheinander. Heute bin ich in den falschen Zug gestiegen.“
Sie erwog, ihre Ausbildung abzubrechen, aber ihr Mann ermutigte sie, weiterzumachen, und betonte, dass ein Abbruch die Situation im Iran nicht verbessern würde. Moazami hofft, eines Tages nach Teheran zurückkehren zu können, aber ihre Kinder sehen die Schweiz als ihr wahres Zuhause. Ihre Tochter, die fliessend Berndeutsch spricht, weinte bei dem Vorschlag, ihre Grosseltern im Iran zu besuchen, und sagte: „Ich will da nicht hin!“
Zitat: Zur Neutralität
„Ich weiss, die Schweiz ist neutral. Aber Neutralität bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Das Minimum ist eine Geste, dass die Schweiz moralisch zu den Menschen steht, die ihr Leben für Demokratie, Menschenrechte und Gleichheit riskieren und verlieren.“
Moazami vermisst ihre Eltern, ihre Schwester und ihre Freunde am meisten. Ihre tägliche Kraft schöpft sie aus einem einzigen Gedanken: „Diese Nacht endet. Der Morgen kommt.“




