Der Schweizer Bundesrat hat eine bedeutende Änderung in der nationalen Finanzierung vorgeschlagen: eine temporäre Erhöhung der Mehrwertsteuer (MWST) um 0,8 Prozentpunkte. Diese Massnahme würde, falls genehmigt, die Modernisierung und Wiederbewaffnung der Schweizer Armee finanzieren, mit dem Ziel, ab 2028 über zehn Jahre jährlich zusätzlich 2,7 bis 3 Milliarden Schweizer Franken in die Verteidigung zu investieren.
Diese Entscheidung markiert eine bemerkenswerte Verschiebung in der Art und Weise, wie die Schweiz ihre Sicherheitsinitiativen finanziert. Historisch gesehen haben MWST-Erhöhungen soziale Wohlfahrtsprogramme und Infrastrukturprojekte unterstützt, wie die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) oder grosse Verkehrsprojekte wie das NEAT-Bahnprojekt. Die Finanzierung der militärischen Wiederbewaffnung durch die MWST ist ein beispielloser Schritt.
Wichtige Erkenntnisse
- Bundesrat schlägt 0,8% MWST-Erhöhung zur Militärfinanzierung vor.
- Zusätzlich 2,7 bis 3 Milliarden CHF jährlich über zehn Jahre.
- Entscheidung durch aktuelle geopolitische Instabilität motiviert.
- Parlamentarische Genehmigung und Volksabstimmung erforderlich.
- Politische Parteien uneinig über die vorgeschlagene Finanzierungsmethode.
Geopolitische Lage treibt Verteidigungsbedürfnisse an
Der Bundesrat nennt die sich verschlechternde geopolitische Lage als Hauptgrund für diesen Vorschlag. Ereignisse wie der Krieg in der Ukraine, zunehmende Spannungen zwischen grossen Weltmächten und aufkommende Bedrohungen im Cyberspace und in der Luftverteidigung setzen die Schweiz unter Druck. Es gibt auch wachsende Zweifel an der Zuverlässigkeit internationaler Allianzen.
Die Regierung argumentiert, dass die Schweizer Armee derzeit nicht vollständig in der Lage ist, die Nation in Schlüsselbereichen zu verteidigen. Dringende zusätzliche Mittel sind für Ausrüstungs-Upgrades, Infrastrukturverbesserungen und die Entwicklung neuer Verteidigungsfähigkeiten notwendig. Ohne neue Einnahmequellen kann dieser erhebliche Aufwand nicht bewältigt werden.
Fakt: Geschichte der MWST
Die Mehrwertsteuer wurde in der Schweiz 1995 eingeführt und ersetzte die alte Warenumsatzsteuer. Ihre Erhöhungen waren traditionell an Sozialprogramme und gross angelegte Infrastrukturprojekte gebunden, nicht an Militärausgaben.
Der Weg zur Umsetzung: Parlament und Volksabstimmung
Der Vorschlag ist noch lange nicht finalisiert. Er bedarf zunächst der Zustimmung des Schweizer Parlaments. Nach der parlamentarischen Debatte und möglichen Änderungen wird das Schweizer Volk das letzte Wort haben. Jede Erhöhung der MWST unterliegt einem obligatorischen Referendum, was bedeutet, dass die Bürger darüber abstimmen werden, ob sie die höhere Steuerlast für die nationale Sicherheit akzeptieren.
Dieser demokratische Prozess bedeutet, dass sich die Debatte über die politischen Kammern hinaus in den öffentlichen Diskurs erstrecken wird. Die Bürger werden die Kosten gegen die wahrgenommenen Vorteile einer verbesserten nationalen Verteidigung abwägen.
Politische Parteien uneinig über Finanzierungsansatz
Die Entscheidung des Bundesrates hat eine grundlegende Debatte unter den politischen Parteien der Schweiz entfacht. Die Unterstützung für den Vorschlag ist derzeit begrenzt, wobei die meisten Parteien Vorbehalte oder direkten Widerstand äussern, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Die Mitte-Partei unterstützt den Vorschlag
Die Mitte-Partei, die Partei von Bundesrat Martin Pfister, ist die einzige grosse Partei, die die MWST-Erhöhung vollumfänglich befürwortet. Sie sieht darin einen demokratischen und fairen Weg zur Finanzierung der nationalen Sicherheit.
„Mit einer Mehrwertsteuererhöhung kann die Bevölkerung entscheiden, ob sie dieses Geld für ihre Sicherheit ausgeben will oder nicht“, erklärte Philipp Matthias Bregy, Präsident der Mitte-Partei. „Das ist der richtige demokratische Weg.“
Die Mitte-Partei betont auch die Generationengerechtigkeit. Sie argumentiert, dass die Finanzierung der Verteidigung aus laufenden Einnahmen verhindert, dass Schulden an zukünftige Generationen weitergegeben werden.
Hintergrund: Generationengerechtigkeit
Das Konzept der Generationengerechtigkeit besagt, dass die aktuellen Generationen zukünftige Generationen nicht mit übermässigen Schulden oder ungelösten Problemen belasten sollten. Die Mitte-Partei nutzt dieses Argument, um sofortige Steuererhöhungen gegenüber der Kreditaufnahme für die Verteidigung zu unterstützen.
Opposition von rechts: SVP und FDP
Die Schweizerische Volkspartei (SVP) lehnt die Steuererhöhung vehement ab. Obwohl sie die Bedeutung der nationalen Sicherheit anerkennt, besteht die SVP darauf, dass der Bund bestehende Ausgaben neu priorisieren sollte, anstatt die Steuern für die Bürger zu erhöhen.
Die SVP warnt vor einer zusätzlichen Belastung von rund 2,7 Milliarden Franken pro Jahr für die Haushalte. Sie zieht Parallelen zur 1940 eingeführten „temporären“ Wehrsteuer, die bis heute in Kraft ist. Die Partei verknüpft die Debatte auch mit der inneren Sicherheit und der Asylpolitik und schlägt vor, diese Bereiche zuerst anzugehen.
Die FDP (Liberalen) lehnt ebenfalls neue Steuern ab, obwohl sie den Bedarf der Armee an mehr Mitteln anerkennt. Co-Präsident Benjamin Mühlemann warnt vor einer „reflexartigen Reaktion auf neue Steuern“. Er zweifelt an der öffentlichen Zustimmung zu einer MWST-Erhöhung.
Die FDP schlägt alternative Finanzierungsquellen vor. Dazu gehören der teilweise Verkauf von Swisscom-Aktien unter Beibehaltung einer Sperrminorität oder die Nutzung von Gewinnen der Schweizerischen Nationalbank. Ständerat Josef Dittli bekräftigte: „Wir müssen dringend aufrüsten – ohne höhere Mehrwertsteuer.“
Linksgerichtete Kritik: SP und Grüne
Linksgerichtete Parteien äussern ihre Kritik mit einem anderen Fokus. Die Sozialdemokratische Partei (SP) äussert „grosse Skepsis“ gegenüber den Plänen des Bundesrates. Co-Präsident Cédric Wermuth erklärte, dass „zusätzliche Armeemilliarden nicht zu rechtfertigen sind, wenn das Geld am falschen Ort investiert wird.“
Die SP wendet sich insbesondere gegen die fortgesetzte Verpflichtung zum F-35-Kampfjetprojekt. Sie argumentiert, dass es ein erhebliches Kostenrisiko darstellt, wie Berichte der Eidgenössischen Finanzkontrolle gezeigt haben. Darüber hinaus ist die SP der Ansicht, dass es die Schweiz in sicherheitspolitischer Hinsicht zu stark von den Vereinigten Staaten abhängig macht. Für die SP würde die Annullierung der F-35-Beschaffung den notwendigen finanziellen Spielraum schaffen.
Die Kritik der Grünen ist noch schärfer. Nationalrat Balthasar Glättli nennt die vorgeschlagene MWST-Erhöhung „inakzeptabel zur Finanzierung des bürgerlichen Aufrüstungswahns“. Anstatt Milliarden „in das schwarze Loch F-35 zu giessen“, plädiert er für Investitionen in zukunftsorientierte Bereiche wie den Klimaschutz. Die Grünen sehen die geplante Steuererhöhung als sozial ungerecht und unverantwortlich an, aber auch als Chance für die Bürger, den „Rüstungswahnsinn“ an der Urne zu stoppen.
Die nuancierte Haltung der Grünliberalen Partei
Die Grünliberale Partei (GLP) positioniert sich zwischen diesen gegensätzlichen Ansichten. Sie lehnt die Pläne nicht grundsätzlich ab, unterzieht sie aber einem „Realitätscheck“. Nationalrat Beat Flach kritisiert die Vorlage eines Gesetzesentwurfs ohne klare Details darüber, welche spezifischen Leistungen damit finanziert würden. Er merkt auch an, dass eine MWST-Erhöhung besonders heikel ist, angesichts der bereits geplanten Belastung für die 13. AHV-Rente.
Gleichzeitig begrüsst die GLP den breiteren Sicherheitsansatz des Bundesrates. Dieser umfasst Cyberverteidigung, Schutz kritischer Infrastrukturen und verstärkte europäische Zusammenarbeit. Dies deutet auf eine Bereitschaft hin, Aspekte des Vorschlags zu prüfen, auch wenn der Finanzierungsmechanismus ein Streitpunkt bleibt.
Eine historische Debatte für die Schweiz
Die Entscheidung des Bundesrates hat eine grundlegende nationale Debatte ausgelöst. Diese Diskussion geht über die Sicherheit hinaus und berührt die Staatsfinanzierung, die Prioritätensetzung und die soziale Verträglichkeit. Die Verwendung der MWST, traditionell ein Instrument der Sozial- und Infrastrukturpolitik, zur Finanzierung der militärischen Wiederbewaffnung verleiht der aktuellen Debatte ein erhebliches Gewicht.
Letztendlich wird es das Schweizer Volk und nicht das Parlament sein, das entscheidet, ob es diesen historischen Politikwechsel akzeptiert. Ihre Abstimmung wird die zukünftige Richtung der Schweizer Verteidigungsfinanzierung und ihren Ansatz zur nationalen Sicherheit in einer sich entwickelnden globalen Landschaft bestimmen.
- Bevorstehende Entscheidung: Die Volksabstimmung über die MWST-Erhöhung ist obligatorisch.
- Wirtschaftliche Auswirkungen: Die vorgeschlagene 0,8% MWST-Erhöhung würde Milliarden für die Verteidigung generieren.
- Soziale Implikationen: Die Debatte umfasst, wie Steuererhöhungen verschiedene Gesellschaftsschichten betreffen.




