Die Berner Behörden stehen unter erhöhtem Druck von linken Parteien und Interessenverbänden, die Massnahmen gegen häusliche Gewalt zu verstärken. Dies geschieht, während der Kanton eine neue Opferhilfestrategie vorschlägt, die sich auf strukturelle Optimierung konzentriert, Kritiker jedoch mehr Finanzmittel und Ressourcen fordern, um einer wachsenden Zahl gemeldeter Fälle zu begegnen.
Wichtige Erkenntnisse
- Linke Parteien und Interessenverbände in Bern fordern mehr Mittel zur Bekämpfung häuslicher Gewalt.
- Regierungsrat Pierre Alain Schnegg schlägt die Zusammenlegung von Frauenhäusern und Beratungsstellen für mehr Effizienz vor.
- Ein neues zweisprachiges Mädchenhaus soll diesen Sommer in Biel eröffnet werden.
- Die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt nehmen zu, und alle elf Tage wird in der Schweiz eine Frau getötet.
- Kritiker argumentieren, die vorgeschlagene Strategie sei unzureichend und betonen die Notwendigkeit von mehr Prävention und Bildung.
Forderungen nach Mehr Finanzmitteln und Ressourcen
Grüne, SP, Gewerkschaften und verschiedene Fachstellen in Bern organisieren eine Kundgebung vor dem Rathaus. Sie fordern mehr Geld für zusätzliche Plätze in Frauenhäusern, erweiterte Beratungsdienste für Opfer und Täter sowie erhöhte Mittel für Präventions- und Sensibilisierungskampagnen.
Diese lokale Aktion spiegelt eine breitere nationale Debatte wider, die kürzlich von der SP-Politikerin Tamara Funiciello angestossen wurde. Die Diskussionen drehen sich um die neue kantonale Opferhilfestrategie, die derzeit geprüft wird.
Häusliche Gewalt in Zahlen
- Im Jahr 2024 leisteten Opferhilfe-Beratungsstellen 10.321 Beratungsstunden für 1.231 erwachsene Gewaltopfer.
- Täglich werden durchschnittlich fünf neue Fälle registriert.
- Letztes Jahr fanden 152 Frauen und 161 Kinder in einem Berner Frauenhaus Zuflucht.
- In der Schweiz wird alle elf Tage eine Frau aufgrund häuslicher Gewalt getötet.
Regierungsstrategie konzentriert sich auf Effizienz
Pierre Alain Schnegg, der SVP-Regierungsrat, der für die Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) zuständig ist, plädiert dafür, Frauenhäuser und Beratungsstellen effizienter zu gestalten. Sein Plan beinhaltet die Fusion der drei Organisationen, die derzeit diese Einrichtungen im Kanton Bern betreiben.
Anfänglich konzentrierte sich Schneggs Strategie stark auf Täter mit Migrationshintergrund. Von diesem Schwerpunkt ist er nach Widerstand im Kantonsrat abgerückt, hält aber am Plan der Organisationsfusion fest.
„Durch strukturelle Optimierung können diese Ressourcen gebündelt werden, und mehr Mittel können direkt in die Opferhilfe fliessen“, erklärte Gundekar Giebel, Sprecher der GSI. Er argumentierte, dass die aktuelle Struktur zu dreifachen Ausgaben für Verwaltung, IT und Personal für relativ kleine Organisationen führe.
Neue Initiativen und Schulungen
Zu den geplanten zusätzlichen Massnahmen gehört die Eröffnung eines zweisprachigen Mädchenhauses in Biel diesen Sommer. Darüber hinaus beabsichtigt der Kanton, Apothekenpersonal durch ein Online-Modul zu schulen. Diese Schulung soll ihnen helfen, Opfer häuslicher Gewalt zu erkennen und sie an geeignete Unterstützungsdienste zu verweisen.
Die Rolle der Opferhilfe
Opferhilfedienste spielen eine entscheidende Rolle bei der Bereitstellung von Soforthilfe, Beratung und sicheren Unterkünften für Personen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Diese Dienste arbeiten oft unter erheblichem Druck, bewältigen hohe Fallzahlen und bieten wesentlichen Schutz.
Kritiker halten Strategie für unzureichend
Während die vorbereitende Kommission die Annahme der neuen Opferhilfestrategie empfiehlt, bezeichnet eine Minderheit der Grünen und SP-Parteien sie als „in wesentlichen Punkten unzureichend“. Sie betonen den dringenden Bedarf an mehr Schutzräumen für Frauen und erweiterten Beratungsdiensten.
Seraina Patzen, eine grüne Grossrätin, kritisiert den Ansatz der Regierung. Sie erklärt, dass Schnegg, anstatt die Dienste zu erweitern, sich auf „Kosteneffizienz“ und „Strukturstraffung“ konzentriere. Patzen betont, dass sowohl Frauenhäuser als auch Opferberatungsstellen „völlig an ihre Grenzen stossen“.
Schwerpunkt auf Prävention und Bildung
Kritiker fordern auch verstärkte Präventionsbemühungen. Sie schlagen vor, kantonale Programme zu erweitern und anzubieten, die „gewaltfördernde Männlichkeitsnormen“ thematisieren. Dieser proaktive Ansatz zielt darauf ab, die Ursachen von Gewalt zu bekämpfen.
Die Dringlichkeit dieser Forderungen wird durch die steigende Zahl registrierter Fälle häuslicher Gewalt unterstrichen. Das Projekt Stop Femizid hat bereits fünf Femizide in der Schweiz für 2026 registriert, was die schwerwiegenden Folgen dieses Problems verdeutlicht.
Debatte über Auslastung der Frauenhäuser
Die Auslastungsraten in Frauenhäusern sind ein strittiger Punkt. Letztes Jahr waren die Frauenhäuser in Bern und Thun zu 90 Prozent ausgelastet. Die Konferenz der Kantonalen Sozialdirektoren empfiehlt eine Auslastung von 75 Prozent. Diese niedrigere Zahl ermöglicht die notwendige Flexibilität, um Frauen mit Kindern in Notfällen unterzubringen.
Regierungsrat Schnegg hält jedoch eine höhere Auslastung für „vertretbar“. Er deutet an, dass eine hohe Auslastung oft auf fehlende Folgelösungen, wie geeigneten Wohnraum, zurückzuführen ist und nicht auf eine unzureichende Anzahl von Schutzplätzen.
Um eine präzise Auslastungsstatistik zu erhalten, beauftragte die GSI Wirtschaftsrevisoren mit der Analyse der Frauenhäuser. Die Studie ergab, dass die Anzahl der Frauen in Frauenhäusern im Kanton Bern abgenommen hat, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer jedoch zugenommen hat. Das bedeutet, dass weniger Frauen länger bleiben, manchmal „über die akute Gefahrensituation hinaus“.
Budget und Zukunftsaussichten
SVP-Grossrat Andreas Michel ist der Ansicht, dass die aktuellen Dienste im Kanton Bern ausreichend sind. Er erklärt, es sei verfrüht, zusätzlichen Bedarf zu behaupten. „Sollte sich herausstellen, dass die geplanten Beiträge nicht ausreichen, kann der Grosse Rat später über zusätzliche Mittel entscheiden“, kommentierte Michel.
Im Jahr 2024 stellte der Kanton 10,5 Millionen Schweizer Franken für die Opferhilfe bereit. Das neue Mädchenhaus und der Betrieb der zentralen Hotline werden zusätzlich 2,1 Millionen Schweizer Franken jährlich kosten, innerhalb eines Gesamtbudgets von rund 13 Milliarden Schweizer Franken.
Persönliche Geschichten verdeutlichen den Bedarf an Bewusstsein
SP-Stadträtin Dominique Hodel, 35, teilte ihre persönliche Erfahrung, sieben Jahre lang in einer gewalttätigen Beziehung gelebt zu haben. Es begann mit Stalking und ständiger Kontrolle und führte schliesslich zu Krankenhausaufenthalten. Hodel, die jetzt offen über ihre Geschichte spricht, betont die Bedeutung schneller und unkomplizierter Hilfe.
„Es hätte mir enorm geholfen, wenn ich oder mein Umfeld gewusst hätten, wo man Hilfe bekommt“, reflektierte Hodel. „Ich und mein Umfeld wussten damals zu wenig über das Phänomen.“
Hodel weist darauf hin, dass Schulen zwar Schüler über Drogen aufklärten, häusliche Gewalt jedoch kein Thema war. Sie argumentiert, dass Bildung in Schulen daher äusserst wichtig sei. Für Hodel ist klar, dass häusliche Gewalt ohne zusätzliche Mittel nicht eingedämmt werden kann. „Das kostet zunächst Geld, aber das sind Investitionen, die sich langfristig auszahlen.“




