Zollikofen, Schweiz, heisst ein wegweisendes Wohnprojekt willkommen, das darauf abzielt, Gemeinschaft zu fördern und Isolation unter älteren Erwachsenen zu bekämpfen. Unter dem Namen „Das andere Wohnen“ bringt diese Initiative 23 Bewohner im Alter von 49 bis über 80 Jahren in einem gemeinsamen, aber unabhängigen Wohnumfeld zusammen. Der Einzugsprozess hat kürzlich begonnen, und Bewohner wie die 70-jährige Psychiaterin Catherine Walther äussern ihre Begeisterung für ihr neues Zuhause.
Wichtigste Erkenntnisse
- „Das andere Wohnen“ in Zollikofen bietet Gemeinschaftswohnen für 23 Bewohner im Alter von 49 bis über 80 Jahren.
- Das Projekt legt Wert auf Selbstverwaltung, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Interaktion.
- Die Entscheidungsfindung folgt einem soziokratischen Modell, das sicherstellt, dass alle Stimmen zu einem „Zustand“ statt zu einem „Konsens“ beitragen.
- Die Initiative zielt darauf ab, Einsamkeit im Alter durch die Förderung täglicher Begegnungen zu verhindern.
- Der nach Minergie-A-Standard gebaute Komplex zeichnet sich durch eine umfassende Holzverwendung und Gemeinschaftsräume aus.
Eine Vision für vernetztes Wohnen
Das Projekt am Lindenweg umfasst zwei miteinander verbundene Gebäude, die nach Minergie-A-Standard gebaut wurden. Es bietet 17 Wohnungen, die für individuelles Wohnen konzipiert sind und gleichzeitig ein starkes Gemeinschaftsgefühl fördern. Das Design priorisiert Nachhaltigkeit, ist weitgehend autofrei und verwendet umweltfreundliche Materialien wie Holz und Lehmplatten.
Die Bewohner sind nicht nur Mieter; sie sind Mitglieder einer Wohnbaugenossenschaft. Diese Struktur gewährleistet einen selbstverwalteten, gemeinnützigen Ansatz des Wohnens. Das Genossenschaftsmodell ermöglicht eine gemeinsame Entscheidungsfindung, ein Kernprinzip von „Das andere Wohnen“.
Projektübersicht
- Standort: Lindenweg, Zollikofen
- Bewohner: 23 Personen, im Alter von 49 bis über 80 Jahren
- Wohneinheiten: 17 Wohnungen in zwei miteinander verbundenen Gebäuden
- Standard: Minergie-A, Fokus auf Energieeffizienz
- Haustiere: Einschließlich zwei Hunden und mehreren Katzen
Soziokratie in Aktion: Eine neue Art der Entscheidungsfindung
Ein Schlüsselaspekt von „Das andere Wohnen“ ist sein Engagement für die Soziokratie, eine Governance-Methode, bei der Entscheidungen durch Zustimmung getroffen werden. Dies unterscheidet sich vom traditionellen Konsens, bei dem jeder vollständig zustimmen muss. Stattdessen liegt der Fokus darauf, ernsthafte Einwände zu behandeln, bis eine Lösung gefunden ist, mit der alle leben können.
„Die Frage ist, womit kann ich leben, nicht was will ich, denn das erzeugt sofort eine starke Verengung der Möglichkeiten“, erklärt Janette Picozzi, eine der frühen Teilnehmerinnen des Projekts.
Dieser Ansatz ermutigt alle Bewohner, ihre Meinungen zu äussern, und stellt sicher, dass vielfältige Perspektiven zu gemeinschaftlichen Entscheidungen beitragen. Er fördert ein Umfeld, in dem individuelle Bedürfnisse im Rahmen des kollektiven Wohlergehens respektiert werden.
Einsamkeit bekämpfen durch gemeinsame Räume
Eine der Hauptmotivationen hinter diesem alternativen Wohnmodell ist die Bekämpfung der Einsamkeit im Alter. Die Gestaltung der Gebäude fördert aktiv die Interaktion. So erfolgt der Zugang zu den Wohnungen über gemeinsame Arkaden, die als natürliche Treffpunkte dienen.
„Jeder hat seine eigene Wohnung, aber man kann sich nicht vollständig zurückziehen; Begegnungen sollen stattfinden“, so Janette Picozzi. Diese Philosophie untermauert das gesamte Projekt und zielt darauf ab, ein lebendiges soziales Gefüge zu schaffen.
Hintergrund: Das Genossenschaftsmodell
Die im Dezember 2020 gegründete Wohnbaugenossenschaft sicherte sich das Land von der Gemeinde im Baurecht. Diese Vereinbarung ermöglicht es der Genossenschaft, die Wohnungen auf öffentlichem Grund zu errichten und zu betreiben, oft zu reduzierten Kosten. Solche Modelle sind in der Schweiz üblich, um bezahlbare und gemeinschaftsorientierte Wohnlösungen zu fördern. Die Finanzierung erfolgte auch aus spezifischen Sozialfonds, wodurch die Abhängigkeit von konventionellen Bankkrediten reduziert wurde.
Von der Vision zur Realität: Eine fünfjährige Reise
Die Realisierung von „Das andere Wohnen“ war ein bedeutendes Unterfangen. Janette Picozzi und ihr Mann Claudio waren von Anfang an dabei. Sie beschreiben die Reise als eine, die immensen Einsatz erforderte, und mussten Herausforderungen wie die COVID-19-Pandemie und den Ukraine-Krieg meistern, die zu Verzögerungen führten.
„Die Motivation war enorm hoch, aber wir mussten auch Krisen durchstehen“, reflektiert Janette Picozzi. Nun, da sie sich auf den Einzug vorbereiten, äussert das Paar Erleichterung und Begeisterung und freut sich auf weniger Haushaltsführung und mehr Zeit für das Leben.
Individuelle Akzente im Kollektivheim
Die Bewohner hatten die Möglichkeit, ihre Wohnungen zu personalisieren und Elemente wie Küchenfarben zu wählen. Weiss erwies sich als am beliebtesten, gefolgt von Blau. Stefan Leuenberger, Innenarchitekt und Wohnpsychologe, der am Projekt beteiligt war, bemerkte, dass mutigere Entscheidungen wie Grün oder Goldgelb mehr Mut erforderten.
Leuenberger hob auch das architektonische Prinzip hervor, das das Design leitete: „Die Übergänge zwischen anonymen, geteilten, privaten und intimen Räumen sollen sichtbar und spürbar sein.“ Diese sorgfältige Planung gewährleistet ein Gleichgewicht zwischen persönlicher Privatsphäre und gemeinschaftlichem Engagement.
Jenseits der Wohnungswände
Die gemeinschaftlichen Aspekte erstrecken sich über die Wohneinheiten hinaus. Der Komplex umfasst einen speziellen Gemeinschaftsraum, eine Werkstatt und Gästezimmer für Besucher. Um die beiden Gebäude herum sind Pläne für einen biodiversen Garten in Arbeit, der den Bewohnern Grünflächen zum Geniessen und möglicherweise zum Kultivieren verspricht.
Verena Neuenschwander, 66, die Ende November eingezogen ist, drückt ihre Freude aus. „Das Wohngefühl macht mich glücklich“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie sehr gut schläft. „Man spürt das Konzept und kann die Wohnung sehr gut gestalten.“ Sie räumte ein, dass der wahre Test für die Dynamik der Genossenschaft mit der Zeit kommen würde, aber bisher fühle sich alles organisch an.
Finanzielle Struktur
- Genossenschaftsanteil: Ca. 120.000 Schweizer Franken für eine 2,5-Zimmer-Wohnung.
- Monatsmiete: Zwischen 1.550 und 1.800 Schweizer Franken (ohne Nebenkosten).
- Finanzierungsquellen: Darlehen des Fonds de Roulement und des Solidaritätsfonds trugen dazu bei, den Bedarf an Bankkrediten zu reduzieren.
Ein neues Kapitel für die Bewohner
Für Catherine Walther bringt der Umzug von Solothurn nach Zollikofen sie näher zu ihrer Familie in der Region Bern. Obwohl sie im Ruhestand ist, arbeitet sie weiterhin Teilzeit als Psychiaterin. „Die Nachfrage ist so gross“, bemerkt sie und zieht Parallelen zum Mangel an Hausärzten.
Sibylle Aréstegui, deren Umzug für den 23. Januar geplant ist, hat bereits begonnen, Pflanzen in ihre neue Wohnung zu bringen. „Ich bin sehr gespannt und optimistisch“, teilt sie mit, während sie die umfangreiche Arbeit und die zahlreichen Treffen anerkennt, die erforderlich waren, um ein solches Projekt zu verwirklichen. „Es braucht grosses Engagement, Ausdauer und viele gute und kompetente Leute, um ein solches Projekt zu realisieren.“
Die erste Nacht in einem neuen Zuhause markiert einen wichtigen Meilenstein für diese Bewohner. Sie schlagen ein neues Kapitel auf und umarmen einen Lebensstil, der Kameradschaft, gemeinsame Verantwortung und eine lebendige Gemeinschaft in ihren goldenen Jahren verspricht.




