Die Kantonspolizei Bern hat eine umfassende Untersuchung zu Menschenhandel und Zwangsprostitution abgeschlossen und dabei ein Netzwerk aufgedeckt, das über vierzig junge Männer ausgebeutet hat. Der Fall beleuchtet ein wachsendes, aber oft verborgenes Phänomen männlicher Opfer in der Zwangsprostitution in der Schweiz.
Wichtige Erkenntnisse
- Über 40 junge Männer wurden Opfer von Zwangsprostitution in Bern.
- Ein 34-jähriger slowakischer Staatsangehöriger wird beschuldigt, das Geschäft seit 2016 betrieben zu haben.
- Die Opfer, hauptsächlich aus Spanien, Brasilien und Kolumbien, waren systematischer Ausbeutung ausgesetzt.
- Die Behörden gehen davon aus, dass die wahre Opferzahl deutlich höher sein könnte.
- Männliche Zwangsprostitution ist ein aufkommendes und wenig erforschtes Thema in der Schweiz.
- Scham und Schulden der Opfer hindern sie oft daran, Hilfe zu suchen.
Ermittlungen decken umfassenden Ausbeutungsring auf
Ende Oktober gab die Kantonspolizei Bern den Abschluss ihrer Ermittlungen in einem bedeutenden Fall von Menschenhandel bekannt. Der Beschuldigte ist ein 34-jähriger slowakischer Staatsangehöriger. Die Polizei verhaftete den Mann im Januar 2025 in seiner Berner Wohnung, wo er sich seither in Untersuchungshaft befindet.
Der Verdächtige soll seit 2016 ein Zwangsprostitutionsgeschäft betrieben haben. Zu den Opfern gehören junge Männer, die zwischen 1997 und 2004 geboren wurden. Diese Personen stammen aus verschiedenen Ländern, darunter Spanien, Brasilien, Kolumbien, Venezuela und der Tschechischen Republik.
Die Polizei identifizierte während der Ermittlungen vierzig Opfer unterschiedlicher Nationalitäten. Vierzehn dieser Opfer wurden eindeutig identifiziert. Bei der Verhaftung traf die Polizei auf drei männliche Sexarbeiter, die direkt in das Geschäft involviert waren, und befragte sie. Die Behörden vermuten, dass die Gesamtzahl der Opfer erheblich höher ist.
Falldetails auf einen Blick
- Beschuldigter: 34-jähriger slowakischer Staatsangehöriger
- Dauer des Betriebs: Seit 2016
- Identifizierte Opfer: 14 (von 40 untersuchten)
- Opferdemografie: Junge Männer, hauptsächlich 19-28 Jahre alt, aus verschiedenen Ländern.
- Ort: Wohnung des Verdächtigen in Bern
Systematische Kontrolle und finanzielle Ausbeutung
Der Beschuldigte soll junge Männer aus dem Ausland zur Prostitution gezwungen haben. Ihm wird vorgeworfen, von seiner Berner Wohnung aus ein Sexgeschäft betrieben zu haben, das ausschliesslich männliche Kunden bediente. Einige Opfer wurden über Dritte rekrutiert, während andere direkt vom Verdächtigen kontaktiert wurden.
Laut Polizei suchte der 34-Jährige gezielt Männer, die seinen Vorstellungen in Bezug auf Aussehen, Alter und Gewicht entsprachen. Er soll die Art und den Umfang ihrer Sexarbeit diktiert haben. Die Opfer wurden gezwungen, die Hälfte ihrer Einnahmen an ihn abzugeben.
Nach ihrer Ankunft in der Schweiz wurden die Opfer in der Wohnung des Verdächtigen untergebracht. Er vermittelte ihnen dann Kunden. Mit Ausnahme von Unterbrechungen während der COVID-19-Pandemie beschäftigte er kontinuierlich zwei bis vier Männer in seiner Wohnung. Die Behörden haben nicht bekannt gegeben, wie die Kunden akquiriert wurden, obwohl solche Operationen oft spezifische Websites nutzen.
„Weitere Informationen zur Person und den Opfern können zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben werden“, sagte Christof Scheurer von der Berner Staatsanwaltschaft.
Scheurer bemerkte, dass Menschenhandel zunehmend sowohl Männer als auch Frauen im Sexgewerbe betrifft. Dieser spezifische Fall von männlicher Zwangsprostitution ist jedoch der erste seiner Art, der im Kanton Bern aufgedeckt wurde.
Menschenhandel verstehen
Menschenhandel, oft als „moderne Sklaverei“ bezeichnet, beinhaltet die Anwendung von Gewalt, Betrug oder Zwang, um eine Art von Arbeit oder kommerziellen Sexakt zu erlangen. Täter nutzen Verletzlichkeit und Verzweiflung aus und versprechen oft falsche Möglichkeiten, um Opfer anzulocken. Die Hauptmotivation für Menschenhändler ist Gier.
Männliche Zwangsprostitution: Eine verborgene Krise
Stephan Fuchs, Co-Leiter der Opferschutzorganisation Victras, sieht den Berner Fall als wichtigen Indikator für einen sich entwickelnden Trend. „Es ist ein neues Phänomen in der Schweiz, dass Männer zur Prostitution gezwungen werden und dies bekannt wird“, so Fuchs. Zuvor sei Zwangsprostitution von Männern selten diskutiert worden.
Fuchs erinnerte an einen früheren Fall, bei dem ein schwuler Mann mit der „Loverboy“-Methode in die Schweiz gelockt und zur Prostitution gezwungen wurde. Bei dieser Methode bauen Täter über Wochen oder Monate eine emotionale Beziehung auf, bevor sie das Opfer zur Sexarbeit zwingen. Ein weiterer Fall betraf einen Mann, der in Budapest für Küchenarbeit in der Schweiz rekrutiert wurde, nur um bei seiner Ankunft zur Sexarbeit gezwungen zu werden.
Die Forschung zur männlichen Zwangsprostitution ist spärlich. „Es ist fast nichts darüber bekannt“, erklärte Fuchs. Während die sexuelle Ausbeutung von Frauen grosse gesellschaftliche Aufmerksamkeit und häufige Gerichtsverfahren erhält, bleibt das Thema für Männer weitgehend unerforscht. Der Berner Fall mit über vierzig Opfern deutet auf eine hohe Dunkelziffer hin.
Scham und Schulden hindern Opfer daran, Hilfe zu suchen
Ein grosses Hindernis bei der Aufdeckung dieser Verbrechen ist die tiefe Scham, die die Opfer empfinden. „Männer, die in der Zwangsprostitution landen, schämen sich so sehr, dass sie überhaupt keine Hilfe suchen wollen“, sagte Stephan Fuchs. Männer kämpfen oft damit, als Opfer gesehen zu werden, was eine erhebliche innere Barriere darstellt, um Unterstützung zu suchen.
Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei der Stadt Bern und ein führender Experte für Menschenhandel in der Schweiz, erklärte, dass Ermittlungen gegen Menschenhändler oft Jahre dauern. Diese Verzögerung liegt hauptsächlich daran, dass Opfer oft nicht bereit oder in der Lage sind, auszusagen. Sie leben häufig in Schuldknechtschaft, da sie Kosten für ihre Reise in die Schweiz auf sich genommen haben, die sie sich gezwungen fühlen zurückzuzahlen.
Opfer wissen oft nicht, dass sie zur Prostitution gezwungen werden, bevor sie reisen. Ihre mangelnde Kooperation mit den Behörden erschwert die Strafverfolgung. Menschenhändler agieren im Geheimen und weisen ihre ausgebeuteten Arbeiter an, unsichtbar zu bleiben, was die Bemühungen der Strafverfolgungsbehörden zusätzlich behindert.
Wie Behörden Menschenhandel bekämpfen
Behörden decken diese Verbrechen auf verschiedene Weisen auf. Ott bemerkte, dass Hinweise oft von externen Quellen stammen, wie Nachbarn oder Bekannten der Opfer. In Bern setzt die Polizei auf „gemeinsame Kontrollen“, bei denen mehrere Organisationen, einschliesslich Nichtregierungsorganisationen, interdisziplinäre Inspektionen durchführen.
Um diesen gefährdeten Personen zu helfen, bieten Polizei und relevante Organisationen Schutzmassnahmen an. Opfer werden in sicheren Unterkünften untergebracht, wo sie eine erste Stabilisierungsphase durchlaufen. Sie sind oft traumatisiert und misstrauen den Behörden. „Dieses Vertrauen zu gewinnen, ist der erste Schritt, um ihnen ihre Optionen aufzuzeigen“, betonte Alexander Ott.
Die treibende Kraft hinter Menschenhandel ist oft Armut. Menschenhändler nutzen die Hilflosigkeit und Not von Individuen aus. Lelia Hunziker von der Fachstelle Menschenhandel betonte, dass sexuelle Ausbeutung keine Geschlechterdiskriminierung kennt, obwohl sich die Orte der Ausbeutung je nach geschlechtsspezifischen Branchenunterschieden unterscheiden können. Die meisten Opfer werden unter falschen Versprechungen rekrutiert, wobei ihre Verletzlichkeit und Armut ausgenutzt werden.
Die Fachstelle Menschenhandel bietet spezialisierte Opferhilfe in allen Sektoren an und betreibt acht Schutzunterkünfte. Im letzten Jahr meldeten sie acht männliche Opfer, eine Zunahme gegenüber zwei im Vorjahr, was auf eine wachsende Anerkennung dieses Problems hindeutet.




